Denn das Unheimliche ist, daß in diese das Urkomische ins fast Schizophrene übersteigernde Phantasien unversehens seine Philosophie eingeht, gerade so, wie seine schwelgerisch nächtlichen Eskapaden – das bemüht er sich sehr sorgsam zu beweisen – ganz selbstverständlich in sein asketisch weltfremdes Philosophendasein eingegangen waren. "Mynona" nannte Salomo Friedlaender sich stets als Verfasser von etwa zwanzig Büchern solcher Grotesken, die seit 1913 erschienen. Und es klingt wie eine von ihm erfundene Groteske, daß der antisemitische Schnüffler Adolf Bartels hinter dieser Umkehrung des Wortes anonym "eine jüdische Dame" witterte. Manche dieser Grotesken mögen heute etwas antiquiert und gewaltsam anmuten, aber Ellen Otten hat mit Sorgfalt und Liebe in dieser Auswahl die lebendigsten und wirksamsten vereinigt, die beweisen, daß Mynona damals eine Art neuer Literaturgattung schuf, nicht nur an Weite der Erfindung oftmals über Scheerbart und Meyrink hinausgreifend, sondern als ein Vorläufer von Dada, Surrealismus und vor allem der heutigen absurden Literatur. Nur zeigt er in seinen besten Stücken mehr Wissen, mehr Phantasie und mehr erfinderische, spielerische Sprachkunst als die meisten Autoren dieser Gattungen der letzten fünfzig Jahre. "Sublime und Ridicule sind Stiefgeschwister", behauptet Mynona. Er nennt sich einen Metaphysiker, und so könnte man seine Grotesken nennen: die Geburt des Absurden aus dem Geist der Metaphysik.

Als "die Geburt der Uniform aus dem Geiste der Erotik analysiert Mynona die eiserne Treue zu ihrem Schutzmann in "Rosa die schöne Schutzmannsfrau", wie Ellen Otten diesen Auswahlband betitelt. Auf Grund der Theorie, daß alles Außen-Seiende eine sonnenentstammte Einheit sei, so daß alles sich in jedes wandeln könne, verwandeln sich ganz selbstverständlich Blumen in Menschen und Menschen in Blumen, ein Mann in ein Mädchen, ein Mädchen in einen Mann, und schließlich beide in ein einziges Wesen, das noch dazu mit sich selbst verheiratet ist.

Mynona ist beißend scharf und witzig, wenn er mit anscheinend erzieherischem Ernst in "Neues Kinderspielzeug" vorschlägt, man müsse schon die Kinder an alle Schrecknisse des Daseins gewöhnen; so sollen die Bleisoldaten, wenn sie fallen, wirklich bluten, "das Massengrab darf in keinem Soldatenkästchen fehlen", "Füsilierung ist ein sehr hübsches Spiel", "entzückende kleine Leichenwagen und Särgchen, Puppenfriedhöfe und Krematorien mit drolligen Gräbern und Urnen, Leichensteine mit auswechselbaren Inschriften", sogar Bordelle...

Solche makabren Phantasien gibt es aber nur vereinzelt. Sie seien hier angeführt, um anzudeuten, mit wie minuziösen Einzelheiten Mynonas Phantasie arbeitete. Seine Erfindungskraft stützte sich auf die allerfeinste Ausmalung von Erfindungen, Jahrzehnte bevor sie wirklich erfunden wurden, etwa die "Möglichkeiten einer chemischen Reinigung der Atmosphäre oder das "vertikale Gewerbe", das Erblicken der dahinziehenden Erdoberfläche von oben. Er läßt sogar einen Professor in die Weimarer Fürstengruft einbrechen, um Goethes Kehlkopf zu imitieren, der dann mittels einer äußerst komplizierten Maschinerie in Goethes Arbeitszimmer mit seiner Originalstimme Originalworte "in den Phonographen spricht".

Mynona schrieb sich selbst einen Gedenkartikel "Zu Mynonas hundertstem Geburtstag", in dem er zusammenfaßt, was ihn "philosophisch kratzte und humoristisch kitzelte", und behauptet: "Mein Kant für Kinder ist z. Z. das wichtigste Buch der Erde", denn "ohne Kant bleibt die werte Menschheit dumm, häßlich und schlecht". Schließlich meint er: "Für mich unbekannten Klassiker muß ich nun schon selber eintreten." Das tut er nun mit dieser Wiederkehr seiner Grotesken – sogar schon fünf Jahre vor seinem hundertsten Geburtstag.