Für Franz Josef Strauß hat die Stunde Rumpelstilzchens geschlagen: Heute back’ ich, morgen brau’ ich, übermorgen hol’ ich der Königin ihr Kind. Er muß sich am Ziel seiner Wünsche wähnen. Gestern Erhard verbacken, heute Schröder und Barzel, morgen selber Minister, übermorgen stärkste Potenz im Bundeskabinett und logischer Kanzlernachfolger – führt wirklich kein Weg an ihm vorbei?

Lassen wir die Moral aus dem Spiel. Wenn Conrad Ahlers wieder mit Strauß essen geht und Erich Mende sich verstohlen mit ihm trifft, ist es sinnlos, in der Pose der Empörung eingefroren zu verharren. Einmal wäre es undemokratisch, Strauß als Minister abzulehnen, wenn ihn eine Mehrheit der Bayern auf den Schild heben will; die volonté generale – Rousseau hatte das nicht vorgesehen – kann sich über moralische Bedenken hinwegsetzen. Zum anderen soll man auch einem erst gestrauchelten, dann gestürzten Politiker die Fähigkeit zur Einsicht und Besserung nicht absprechen. Er muß sich bloß gefallen lassen, daß ihm ein jeder scharf auf die Finger schaut, sobald er wieder zu Amt und Würden gelangt. Und daß man sehr genau danach fragt, welche Politik er eigentlich vertritt.

Hier aber müssen die Bedenken ansetzen. Wie Rumpelstilzchen bei seinem triumphierenden Tanz ums Feuer ("ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß"), so hat sich der CSU-Vorsitzende jetzt enthüllt: in seinem Buch "Entwurf von Europa". Die Lektüre dieser Schrift macht deutlich, daß die Aufnahme von Strauß in jedwedes Kabinett, ob Kleine Koalition mit der FDP oder Große Koalition mit der SPD, dem Einbau einer Sprengkapsel gleichkäme. Bei vielen Fragen flüchtet er sich in beredtes Sowohl-Als-auch. Wo er aber eindeutig und klar spricht, da sind seine Ideen hochbrisant. An ihnen müßte jedes Kabinett scheitern, das wirklich eine Politik der Erneuerung einleiten wollte.

Das gilt nicht einmal so sehr für jene freundlichere, bemühtere Bonner Politik gegenüber Frankreich, mit deren Schilderung Strauß den größten Teil seines Buches füllt (Auszug siehe Seite 9). Annäherung an Frankreich: das wäre eine lobenswerte Politik – wenn nur der Mann im Elysée nicht Charles de Gaulle hieße; er sucht Vasallen, nicht Partner. Strauß, bekäme er die Gelegenheit dazu, würde das bald herausfinden. Es wäre nicht falsch, vis-à-vis Paris verbindlichere Töne anzuschlagen, soweit hat er ja recht. Er hat indes unrecht, wenn er meint, daß sich damit viel erreichen lasse. Straußens "Entwurf für Europa" hat Chancen erst in der Zeit nach de Gaulle. Schröder weiß das heute schon, Strauß muß noch dahinterkommen – das ist der Hauptunterschied zwischen den beiden Männern. Der "Bayern-Kurier" baut übrigens schon vor: so einfach sei ein neuer Anfang mit Frankreich heute nicht mehr ...

Schattenboxen wäre auch jede Auseinandersetzung mit Straußens Ideen von Europa und der Atlantischen Partnerschaft. Sie enthalten neben aller wohlberechneten Verschwommenheit mehr Vernünftiges, als ihm gemeinhin zugebilligt wird. Er ist für die volle europäische Föderation, auch wenn er eine Zwischenstation "Konföderation" in Kauf nehmen würde; er predigt keineswegs die Parole "Ami go home", wo er sagt, die Sicherheit Europas müsse von Europa selbst gewährleistet werden können, sondern willeinen "Bund zwischen den Kontinenten", der mehr nach Kennedy klingt als nach de Gaulle; er bricht sogar eine Lanze für die militärische Integration – wohl, weil anders sein fragwürdiger Traum von der europäischen Nuklearmacht nicht zu verwirklichen wäre.

Über all das ließe sich argumentieren – nicht jedoch über die Vorstellungen, die Strauß zur Deutschlandpolitik und zur Ostpolitik Bonns entwickelt. An ihnen muß jede Koalition zwischen einer von Strauß beherrschten CDU/CSU und der FDP oder der SPD zuschanden werden. Der CSU-Vorsitzende plädiert nämlich im Kern für eine Politik der Unbeweglichkeit.

Die Hallstein-Doktrin sei nicht der Weisheit letzter Schluß, sagt er zwar – aber er fügt gleich hinzu, daß die Bundesrepublik zu den Ländern Osteuropas heute noch keine vollen diplomatischen Beziehungen aufnehmen könne. Statt einer eigenen Ostpolitik empfiehlt er, lieber die Franzosen in Osteuropa für uns handeln zu lassen (als ob Paris uns nicht immer wieder aufgefordert habe, selber etwas zur Auflockerung beizutragen!). Er warnt wohl vor "falschverstandenen nationalen Leitbildern von gestern" und gesteht schonungslos, daß er nicht an die Wiederherstellung eines deutschen Nationalstaates glaubt – aber er entzieht sich der Pflicht, auch gegenüber Ostberlin deutsche Politik zu treiben, mit der Trickempfehlung, die deutsche Frage zu "europäisieren" (als ob die rollback-Strategie sich raffiniert wieder durch die gesamteuropäische Hintertür schmuggeln ließe und wir dadurch selbständigen Handelns enthoben seien). Im Vergleich dazu wirkt der späte Dulles wie ein Flexibilitätsfanatiker.

Es ist schwer zu sehen, wer sich auf dieser Basis mit Strauß zusammentun könnte. Gewiß nicht die Sozialdemokraten, denen er in den kräftigsten Farben die Vorzüge einer Großen Koalition ausmalt. Strauß wird erst dann politisch koalitionsfähig, wenn er in punkto Ostpolitik umdenkt. Scheut er sich davor, diesen Teil seines Programms radikal zu ändern, so blüht ihm das gleiche blamable Ende wie Rumpelstilzchen: umsonst gebacken, umsonst gebraut. Theo Sommer