Wassilij Akssjonow (Jahrgang 1932), im Westen bekanntgeworden durch die beiden Kurzromane "Fahrkarte zu den Sternen" und "Apfelsinen aus Marokko", hat seinen Ruhm als Schriftsteller zunächst wohl auf zwei außerliterarische Umstände zurückzuführen: erstens auf das Interesse des westlichen Lesers an Informationen über die sowjetische Jugend, zweitens auf die allgemeine, ebenfalls politisch gefärbte Sympathie des westlichen Lesers für Autoren des sowjetischen Tauwetters. Vom Tauwetter redet inzwischen niemand mehr; insofern stellt sich mit dem Band

Wassilij Akssjonow: "Der Genosse mit der schönen Uniform", Erzählungen, aus dem Russischen von Heinz-Dieter Becker; prosa viva 28, Carl Hanser Verlag, München; 116 S., 7,80 DM

die Frage, ob an diesem Autor wohl noch mehr ist als nur Tauwetter und Information.

Die drei Erzählungen, erschienen zwischen 1962 und 1964, haben den Alltag zum Thema, ein Thema, das gewiß nirgends leicht zu bewältigen ist, auch nicht in der Sowjetunion.

Ein Taxichauffeur, der nebenbei mit kleineren und größeren Schiebereien verdient und meint, durch die Verheiratung seiner Tochter an einen Polizisten endlich Ruhe zu haben vor den ewigen Kontrollen, wird genarrt. Unter dem positiven Einfluß ihres Staats-Mannes, des "Genossen mit der schönen Uniform", mißrät die Tochter des geplagten Taxifahrers zum offiziellen Musterbild einer Frau mit Gemeinsinn – eine etwas plumpe Schmunzelgeschichte eher als eine Satire.

Ein Fußballer, der, beneidet von allen Kollegen, das hübscheste Mädchen am Ort geheiratet und ihretwegen die Karriere um das runde Leder aufgegeben hatte, sieht sich von seiner peinlicherweise auch intelligenten Frau an die Wand gedrückt. Wenn das Kind nicht da wäre (das ihn – die Geschichte spielt sonntags – vom Besuch des Fußballfelds abhält), wäre er völlig überflüssig. Diese Erzählung hat mehr Tiefe als die erste, sie bleibt nicht am Vordergründigen, wenn auch gewisse Symbole in der psychologischen Darstellung (wie der Krebs, der einen Schritt vorwärts und drei zurück macht) ein wenig abgegriffen wirken.

Dieses atmosphärisch dichte Charakterbild, das sich jeder Moral von der Geschicht’ enthält, wrkt geschlossen, überzeugender als die dritte Geschichte: Ein mittlerweile gealterter Revolutionär und Bürgerkriegskämpfer fährt zu Besuch in sein Heimatdorf und begegnet einem Schulkameraden, "dem Scheuen", an dem die Jahre vorübergeflossen sind, als sei überhaupt nichts geschehen, und der sein Leben der Konstruktion des perpetuum mobile gewidmet hat. Die Gestalt des "Scheuen" bleibt etwas im dunkeln, der "Held" wird unsicher in seiner Sicherheit.

Niemand wird in diesen Geschichten als Beispiel hingestellt, niemand verdammt (es sei denn der Taxichauffeur durch das Lachen des Lesers). Nicht das Alltägliche selbst, sondern das Nicht-Alltägliche, das Merkwürdige, Bizarre scheinen Akssjonow zu interessieren; die beiden letzten Erzählungen des prosa-viva-Bandes muten an wie Versuche auf diesem Terrain, Versuche, die ihn ehren. Sie sind jedoch eher Skizzen zu einem Roman, der noch geschrieben werden will; und dazu hat Akssjonow noch einige Anstrengungen zu unternehmen, denn das Bizarre wird bei seiner konventionellen Erzähltechnik noch nicht recht plausibel. Dieser Band ist noch nicht mehr als ein weiteres Verspechen. Peter Urban