München, im November

Lorenz Vilgertshofer, Staatssekretär im bayerischen Landwirtschaftsministerium, muß aus dem Stegreif reden. Um acht Uhr hatte er angefangen, darauf vorbereitet, vor dem Hauptredner zu sprechen. Jetzt ist es fast halb zehn. Sein Manuskript reichte nur für die Einleitung. Aber so ergeht es allen CSU-Wahlrednern, die vor Franz Josef Strauß sprechen, der Zugnummer seiner Partei und Pendler zwischen Bonn und Bayerns Wahlkampfarena. Strauß ist selten pünktlich.

Die Zuchtviehhalle in Straubing sieht aus wie eine Scheune. Hier verkaufen die niederbayerischen Züchter ihr Rindvieh. Die Atmosphäre ist bajuwarisch, die Luft verqualmt. Lautsprecher übertragen das Lob der Christlich Sozialen Union in andere Hallen des Geländes. 13 000 Menschen sind beisammen, stehen dicht aneinandergedrängt, meist Männer, und warten geduldig auf den Mann aus Bonn.

Strauß wirkt abgespannt. Mit fast zweistündiger Verspätung trifft er ein, wird durch ein Fenster geschleust und über Hintertreppen zum Podium gelotst. Die Türen hatte man verrammelt.

In Niederbayern benutzt Strauß die Anrede: "Meine lieben Frauen und Männer." Die Bauern sind’s zufrieden, wenn er zufrieden ist. Strauß weiß, daß er sich auf sein Stammland verlassen kann. Dort, wo die Landwirte unter der EWG-Politik stöhnen, wo die Industrie unter Absatzschwierigkeiten leidet und blaue Briefe Entlassungen ankündigen.

Auch in Oberbayern hat sich die Konjunktur abgekühlt. Baugewerbe und Maschinenindustrie spüren die Restriktionsmaßnahmen. Im September und Oktober haben 572 Arbeitgeber Massenentlassungen angemeldet. Über 20 000 sind es in Nordbayern, in den fränkischen Bezirken und Teilen der Oberpfalz. Hier zeigt sich, wie abhängig der Landtagswahlkampf von der Entwicklung im Bund ist. Auch Ministerpräsident Goppel stößt mit seiner landesväterlichen These auf Widerspruch: "Wir sind auf dem Wege von der Über- zur Vollbeschäftigung." Das ist den Franken zu optimistisch. Sie lieben radikale Effekte.

Die Hälfte der mittelfränkischen Bevölkerung – zu vier Fünftel protestantisch – lebt im wirtschaftlichen Ballungsraum Nürnberg/Fürth. Wer Nürnberg hat, hat Mittelfranken. Hier konzentrieren zwei Parteien ihren Wahleinsatz. Für beide geht es um ihre parlamentarische Existenz Die FDP hat nur in diesem Bezirk die Chance, über die Zehn-Prozent-Hürde zu kommen. Mittelfranken ist das Land der bayerischen FDP-Gründer. Aber die Bilanz der letzten Wahlen zeigt auch hier einen FDP-Schwund. Verlieren die Freien Demokraten 1,2 Prozent, bleibt ihnen das Maximilianeum versperrt. Landesvorsitzender Klaus Dehler gibt sich indessen optimistisch: Die Konkurrenz hole sich ihre Stimmen bei der CSU und bei den bisherigen Nichtwählern, nicht bei den Liberalen.