Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Was – wird nach allen Bestsellern gefragt – ist bloß das Geheimnis solcher Bücher? An ihrem jüngsten Gesellen, an

Robert Ruark: "Der Honigsauger", aus dem Amerikanischen von Egon Strohm; Blanvalet Verlag, Berlin; 639 S., 27,50 DM

bekommt man klar demonstriert, was es mit dem Geheimnis beispielsweise auf sich hat.

Zuerst einmal braucht man einen Autor, der in vollkommen ungebrochener Naivität an sich selbst (weniger als Autor denn als Mann) glaubt. Das spornt deprimierte Leserseelen an und verleiht dem Autor die rattenfängerische Fähigkeit, die Neugier zu wecken: Leserinnen meinen endlich erfahren zu können, wie die Männer wirklich sind, und Leser meinen zumindest für die Dauer der Lektüre, man brauche nur wie der Held des Romans, Alexander Barr, ein Mann zu sein und es den Weibern zu zeigen.

Dazu gehört natürlich, daß Ruark auch die Weiber zeigt. Dies verspricht er schon in der pikanten Widmüng: "All den Frauen, die, ob sie es wollten oder nicht, die speziellen Unterlagen lieferten, ohne die es dieses Buch nicht gäbe." Hier wird also saftiges Leben verheißen, und da die Frauenepisoden "Wahrheit" sind, wird auch der Rest des Buches als wahr hingenommen werden.

Die Frauen – Ruark zeigt sie so gründlich, daß es die 639 Seiten (kleiner Druck) stramm füllt. Da gibt’s Liebe zu der zänkischen Anspornerin, zur leidenschaftlichen Mimin, zum Mädchenkind, zur Kollegin, zur Großen Liebe, und jede Liebe wird mit Gebrauchstiefenpsychologie, schicker Kulisse, Kraftausdrücken und rauschendem Trivialgefühl wie ein Markenartikel ausstaffiert. Doch nachdem sein Held ein ganzes Warenlager durchgeliebt hat, steht er nicht etwa als ein Lustknabe da, im Gegenteil. So wie die Heldin eines Bestsellers auch nur dann ganze Männergalerien lieben darf, wenn sie sich dabei nicht verliert, so hat Ruarks Alexander Barr, renommierter Schriftsteller mit Frau, Agenten und hohem Bankkonto, ebenfalls sein Sex-Alibi: Er, er muß lieben. Nur dann spürt er das Leben, und dann kann er schreiten. Und da er, wenn er schreibt, entweder keine Zeit zum Lieben hat oder feststellt, daß Liebe zum Schreiben unfähig mache, läuft ihm die Dame entweder fort, oder er selber muß sie aus seinem Bette scheuchen. Immer also ist es das Werk, die Unsterblichkeit, die ihn wieder auf die ewige Jagd nach dem Weibe hetzt.