Reden des Kaisers. Ansprachen, Predigten und Trinksprüche Wilhelms II. Herausgegeben von Ernst Johann, Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 172 Seiten, 2,80 DM.

Erfüllt von der euphorischen Stimmung, daß er die Nation "herrlichen Tagen" entgegenführen werde, hatte Kaiser Wilhelm II. knapp zwei Jahre nach seinem Regierungsantritt den Lotsen von Bord geschickt. Aber der vom Kaiser eingeschlagene "Neue Kurs" führte nicht dem so lautstark und allzu optimistisch verheißenen Ziel entgegen, er endete schließlich in der Katastrophe des Novembers 1918. Zwischen diesen beiden einschneidenden Ereignissen – der Entlassung Bismarcks und dem Ende des Kaiserreiches – liegt jene für das politische Schicksal Deutschlands entscheidende Epoche, der niemand anders als der Kaiser selbst den Namen und das Gesicht gegeben hat: die Wilhelminische Ära.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag, dem die Historiker bereits eine stattliche Reihe sehr verdienstvoller Dokumentationen zur neueren Geschichte verdanken, hat in diesem Jahr eine repräsentative Auswahl aus den zahlreichen Reden – Ansprachen, Predigten und Trinksprüchen – Wilhelms II. vorgelegt, die sich vorzüglich dazu eignen, in die politische und geistige Welt des Kaisers einzuführen. Sie ist von Ernst Johann mit geschickter Hand zusammengestellt worden. Johann hat seine Auswahl mit einer Einleitung, ausführlichem Kommentar, einem Literaturverzeichnis und einem biographischen Verzeichnis über die Umgebung des Kaisers versehen, die dem Leser ein tieferes Verständnis der Reden Wilhelms II. erschließen und ihn zugleich zu weiterführendem Studium anregen.

Wilhelm II. gefiel sich – ganz im Unterschied zu seinen Vorgängern auf dem preußischen Königsthron – in der Pose des schneidigen und forschen, auf Effekt bedachten Redners, und er hat kaum eine Gelegenheit verstreichen lassen, sich bei den verschiedenartigsten Anlässen wie nationalen Gedenktagen, aktuellen politischen Ereignissen, militärischen und kuturellen Veranstaltungen, Empfängen, Denkmalsenthüllungen, Schiffstaufen ... in der ihm eigenen lauten und bramarbasierenden Art mit seinen Reden an die Öffentlichkeit zu wenden.

Johanns Auswahl macht in ganz besonderer, ja erschreckender Weise deutlich, wie sehr diese Reden das persönliche Format ihres Redners enthüllen. Unfähig, die Bedeutung der neuen aufstrebenden Kräfte im politischen und kulturellen Leben der Nation zu erkennen und in angemessener Weise einzuschätzen, hielt er starr an überlieferten und weitgehend schon entleerten Vorstellungen fest, die er mit intoleranter und überheblicher Gebärde zum alleinverbindlichen Maßstab erklärte.

Als Herrscher "von Gottes Gnaden" mit der "Verantwortung vor dem Schöpfer allen, von der kein Mensch, kein Minister, kein Abgeordnetenhaus, kein Volk den Fürsten entbinden kann", stand er dem Parlament und den politischen Parteien mit anmaßender Geringschätzung gegenüber, denn es war ihm – wie er seinem Kanzler Bülow mitteilte – "vollständig gleichgültig, ob im Reichstagskäfig rote, schwarze oder gelbe Affen herumspringen". Die Sozialdemokraten gar waren ihm "gleichbedeutend mit Reichs- und Vaterlandsfeind" oder "eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutscher zu tragen". Es war ein höchst verhängnisvoller politischer Stil, dem Wilhelm II. in seinen Reden das Wort lieh. Der inneren Opposition drohte er: "diejenigen jedoch, welche sich Mir ... entgegenstellen, zerschmettere Ich"; und an die Adresse seiner äußeren Widersacher richtete er die Worte, daß es "Meine Pflicht" und "Mein schönstes Vorrecht" sei, "die geeigneten und, wenn es sein muß, auch die schärfsten Mittel rücksichtslos anzuwenden" oder – anders formuliert – mit "gepanzerter Faust" dreinzuschlagen.

Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er seine Politik kurzerhand und apodiktisch für "richtig" erklärte, nahm er auch für sich in Anspruch, der Kunst ihre Gesetze zu geben: "Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr." Aber was für Künstler waren das, die sein Lob fanden! Dichter wie Ganghofer und Wildenbruch in einer Zeit, in der George und Rilke, Gerhart Hauptmann und Thomas Mann ihren literarischen Ruhm begründeten, und mehrere epigonale Maler, Bildhauer und Komponisten, von denen kein einziger sich dem Gedächtnis der Nation eingeprägt hat. Als Kuriosum mag hier noch angefügt werden, daß er den Grafen Zeppelin in einer seiner Reden als den "größten Deutschen des zwanzigsten Jahrhunderts" feierte, als Männer wie Röntgen und Planck, Behring und Ehrlich mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden!

Wilhelms II. Reden waren wegen ihrer fast schon obligaten Taktlosigkeiten und Anmaßungen ein politisches Ärgernis ersten Ranges, und sie haben zu wiederholten Malen folgenschwere Krisen ausgelöst, die die Politik des Reiches im Innern wie in den auswärtigen Beziehungen mit einer beständig wachsenden Hypothek belasteten. Gewiß, viele seiner fatalen Äußerungen entsprangen momentanen Improvisationen und entbehren daher der sorgfältigen Vorbereitung ebensosehr wie des bedachten, abgewogenen Urteils, aber sie sollten deswegen nicht, verharmlost oder gar entschuldigt, sondern genauso ernst genommen und mit den gleichen Maßstäben beurteilt werden wie ihre Folgen. Reimer Hansen