Von Wolf Jessen

Die Zeiten der Diffamierung aller modernen Kunst sind wohl vorüber. Nicht schon seit 1945, wie man vermuten könnte; erst im Verlaufe der letzten Jahre hat sich das gründliche intellektuelle Mißtrauen, das sich keineswegs nur auf Wolfgang Willrichs "Säuberung des Kunsttempels", sondern ebenso auf Egon Friedens "Kulturgeschichte der Neuzeit" oder Frank Thießens "Gesicht des Jahrhunderts" berufen konnte, etwas gelockert. Da allen Weissagungen und sogar allen eingetroffenen Katastrophen zum Trotz das Abendland immer noch nicht untergegangen ist, hat man sich allmählich daran gewöhnt, die sogenannte moderne Kunst nicht nur unter den Aspekten eines Menetekels zu betrachten, wie es denn lange Zeit gang und gäbe war.

In Österreich liegt man da freilich, wie es scheint, noch ein bißchen zurück. Dr. Werner Hofmann ist um den Posten eines Direktors des Wiener Museums des XX. Jahrhunderts, den er seit 1960 innehat, wenig zu beneiden. Er befindet sich immer noch in der alten Schußlinie, und man feuert auf ihn, daß es eine Lust sein muß für die altgedienten Kunst-Reaktionäre. Erst sperrt man ihm den gesamten Museumsetat, und dann verurteilt man ihn zu einer Geldstrafe, weil er eine im Fernsehen geäußerte Dummheit – nämlich, daß alle "moderne Kunst" auf den Scheiterhaufen gehöre – im Fernsehen eine Dummheit nannte. Österreichs Maler- und Schriftstellerprominenz ist ihm rasch zu Hilfe geeilt. Aber als Märtyrer der einen und Buh-Mann der anderen Seite gibt er doch eine merkwürdig altmodische Figur ab.

Der langen Rede kurzer Sinn: es ist selbstverständlich, daß dem Dr. Werner Hofmann unsere Sympathie, gehört, selbst wenn sein Buch

Werner Hofmann: "Grundlagen der modernen Kunst" – Eine Einführung in ihre symbolischen Formen; Alfred Kröner Verlag, Stuttgart; 512 Seiten, 30 Bildtafeln, 22,– DM

am Ende die eine wie die andere Seite stören sollte. Es stelzt daher, als gelte es, die Seriosität der gesamten Moderne von Cézanne bis hin zu Pop und Op allein auf diesem Papier nachzuweisen. Innerhalb der an schwer lesbaren Büchern nicht eben armen deutschsprachigen Kunstliteratur dürfte dieses Buch eines der am schwersten lesbaren sein. Warum, zum Teufel, müssen es immer nur die Verächter der Moderne sein, die klar und gut schreiben, wie etwa Professor Sedlmayr, und warum müssen die Apologeten immer entweder Hymnen singen wie Werner Haftmann oder sich eben derart strohtrocken und gravitätisch gebaren wie Werner Hofmann?

Zum Glück hat sich das bereits ein wenig gewandelt. Junge Kunsthistoriker wie Hans H. Hofstätter und besonders Otto Stelzer, dessen "Vorgeschichte der abstrakten Kunst" sich spannend liest wie ein Kriminalroman, schreiben eine Prosa, von der sich so mancher Berufsschriftsteller eine Scheibe abschneiden könnte. Leider gehört Hofmann nicht zu ihnen. Er formuliert vom Katheder, er hat viel zuviel gelesen (oder in seine "Grundlagen" hineingepackt), was bestenfalls am Rande in eine solche Auseinandersetzung hineingehört, und er liebt Vokabeln, die man entweder im Fremdwörterlexikon nachschlagen muß oder die einem ob ihrer Unbestimmbarkeit schon seit Wölfflins Zeiten Unbehagen verursachen. Da ist die "Wesensschau" und "das Universale", da ist die "prämorphe, nach Gestaltung verlangende Materie" und, natürlich, das "Kunstwollen". Da verschreiben sich "Geschichtsräume dem Abbild", da wird dem Kunstwerk ein "geistiger Resonanzraum" errichtet – und was es an sprachlichen Scheußlichkeiten im allgemeinen, in der deutschen Kunstschriftstellerei im besonderen, sonst noch so alles gibt.