Von Hans Krieger

Wer seine achtzehn Lenze hinter sich hat und dies schriftlich zu erklären bereit ist, wer dem Buchhändler seines Vertrauens dazu noch (ebenfalls schriftlich) versichert, daß er den gefährlichen Kauf vor den lüsternen Blicken Unmündiger in seinem Bücherschrank verschließen werde, der kann jetzt eine Erwerbung machen, die sich lohnt –

Denis Diderot: "Das erzählerische Gesamtwerk in vier Bänden", herausgegeben von Hans Hinterhäuser, übertragen von Hans Hinterhäuser, Guido Meister, Raimund Rütten und Jens Ihwe, mit Illustrationen moderner Künstler und Essays von Michel Butor und Carl Linfert, Band 1: "Die Nonne", Band 2: "Die indiskreten Kleinode"; Propyläen Verlag, Berlin; Subskriptionspreis je Band Ln. 32,– DM, Luxusausgabe in Ziegenleder 52,– DM.

Dies also sind die Schicksale eines Klassikers im aufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert: In Frankreich muß der Informationsminister so ungeschickt sein, einen Film zu verbieten, damit die Pariser Buchhändler über die plötzliche Nachfrage nach einem Autor staunen können, der immerhin in den Schulen gelesen wird – und wie sich das auf die literarische Neugier auswirkt, ist bekannt –, und in Deutschland muß die Werbeabteilung eines renommierten Verlagshauses so geschickt sein, ein seriöses und höchst verdienstvolles Unternehmen als erotische Konterbande aufzuputzen, um nicht nur den Beifall der Kenner zu finden.

Der "Original-Diderot" wird uns geboten – und das heißt unter anderem, daß wir ein paar ausgesprochen pornographische Passagen aus dem frivolen Frühwerk "Die indiskreten Kleinode", die der Autor schamhafterweise in holprigem Lateinisch, Englisch, Spanisch und Italienisch drucken ließ, nun endlich in ehrlichem Deutsch lesen dürfen. "Die indiskreten Kleinode", in der Tat keine Kost für Konfirmanden, füllen den zweiten Band der Ausgabe, erschienen aber zuerst und bestimmten die Tonart der Subskriptionswerbung. Das Verfahren empfiehlt sich zur Nachahmung, Goethe zum Beispiel hat bekanntlich von "Hanswursts Hochzeit" bis zum "Tagebuch" allerhand Priapisches von sich gegeben; wer wittert da zuerst die Chance?

Spaß beiseite; die erste Auflage war im Handumdrehen vergriffen, ein paar weitere ebenfalls, und das will einiges heißen bei einem Autor, der in Deutschland bislang, den fast hymnischen Lobsprüchen zum Trotz, welche die geistigen Autoritäten der Nation ihm gespendet haben, alles andere als populär war. Brauchen wir uns da um die Gründe viel zu kümmern? Wer die Ausgabe subskribiert, wird schon merken, daß auf das pikante Hors d’oeuvre auch ein Hauptgericht folgt, daß Diderot, Erzähler und Romanautor bleibt ohnehin nur nebenbei, noch anderes zu bieten hat als gewagte Erotica.

"Ich möchte mir gern ins Gedächtnis rufen, wie sich die Sache abgespielt hat. Es dürfte Sie amüsieren. Beginnen wir auf gut Glück, nur – lassen wir meine Geschichte, wenn sie mir langweilig wird." So beginnt eine kleine unvollendete Erzählung, die bis zur Mitte unseres Jahrhunderts in dem Wust von Entwürfen, Notizen und wissenschaftlichen Studien schlummerte, den die Familie des Schwiegersohnes Diderots verwahrt, und erst fast zwei Jahrhunderte nach ihrer Entstehung das Licht der Öffentlichkeit erblickte; seit einigen Monaten liegt sie auch in deutscher Übertragung vor –