L. W. Bremen

Der Gerichtssaal ächzte vor Mitleid bis in die letzte Holzfuge. Es war zum Erbarmen: In der Anklagebank stand Michele aus Catania auf Sizilien, raufte sein Haar und stöhnte: "Oh, meine Bambini!"

Der Gastarbeiter aus Italien – verheiratet mit eher Bremerin, Vater von zwei Kindern – ist im Mai einem hanseatischen Küster, der von Berufs wegen am Glockenstrang einer Kirche in eisern Neubaugebiet zieht, an die Krawatte gegangen. Des Heißblütigen Nerven waren durchgegangen, weil die eherne Stimme der nachbarlichen 150-Zentner-Glocke wieder einmal seine Kinder jäh aus den Träumen gerissen hatte. Tiotz starker Schwerhörigkeit, die den Küster für das Amt des Glöckners vom Marßeler Feld prädestiniert, hatte der Kirchendiener des Sizilianers unfreundlichen Entschluß: "Ich dich schlage tot!" deutlich vernommen. Nun stand Michele vor Gericht.

Nicht erst an jenem Tag im Mai war er in Wut geraten. Immer weinten seine Kleinen vor Angst, wenn Glockengeläut ins Kinderzimmer schmetterte. Nun aber kochte das sizilianische Blut über. Als die Abendglocke klang, überwand Michele, von unheiligem Zorn beflügelt, die 150-Meter-Distanz zwischen Wohnung und Kirche, rannte in den Glockenturm, wo der Küster seinen Dienst versah – und ging ihm an den Kragen. Clinchend sanken beide nieder.

Der am Knie geschrammte Küster ließ die Glocken – Glocken sein und flüchtete in die vollbesetzte Kirche ("Nicht aus Angst, so was keine ich als alter Soldat nicht, aber ich habe die Anweisung, Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen"). Michele folgte ihm. Am Altar, wo der Pastor bereits amtierte, traf man sich wieder. Mutige Bremer Christen griffen in das italienisch-deutsche Handgemenge ein und kämpften ihrem Pfarrer den Weg zum Telephon frei. Der Italiener wurde aus der Kirche entfernt. Er lief in sein Heim, riß die Fenster auf und empfing die alarmierten Ordnungshüter mit dem Schrei: "Ich heiße Michele, die Polizei kann kommen!"

Der Richter meinte, als Italiener müsse er doch an Glockentöne gewöhnt sein, in seiner Heimat läute es doch morgens, mittags und abends. "Si, si, si", räumte Michele ein, aber das Geläute dauere nicht sieben Minuten lang, und in Italien würden die Kinder auch nicht weinen, wenn die Glocken läuten.

Bestraft wurde Michele nicht. Die Gemeinde im Marßeler Feld hat einen Glockenfonds, weil sie noch mehr Glocken anschaffen will, und dafür soll Michele eine Buße von 150 Mark bezahlen, beschloß der Richter. Und Michele mußte versprechen, nie mehr gegen Glockentöne zu rebellieren. Der Sizilianer trollte sich und rang die Hände: "Oh mamma mia."