Ihm zu Ehren veranstaltete die Stadt einen besonders festlichen Opernabend. In dieser Stadt wußte man – und wollte zeigen, daß man es wußte –, "was sich gehört". Eben deswegen wurde es nicht übersehen, sondern im Gegenteil mit Sorgfalt und schadenfroher Bosheit registriert, daß der Ehrengast mit schwarzen Handschuhen gekommen war, wie zu einer Beerdigung. Und schon nannten einige ihn den Beerdigungsunternehmer der Nation. Während der Vorstellung hingen die schwarzen Handschuhe, in den Pausen allen deutlich sichtbar, über dem roten Sammet der Logenbrüstung – eine Bestätigung dafür, daß dieser Mann aus der Wildnis kaum die einfachsten gesellschaftlichen Regeln kannte.

Hätte seine Frau ihn begleitet, dann wäre das sicher nicht passiert. Sie stammte aus einer vornehmen Familie und hatte immer großen Wert darauf gelegt, korrekt und elegant gekleidet zu sein. Und mit unermüdlicher Nörgelei hatte sie versucht, auch ihn dahin zu erziehen. Aber er hatte wenig Sinn dafür. Zwar hatte sie erreicht, daß er wenigstens in der Öffentlichkeit anständig angezogen ging. Daheim jedoch blieb er immer in Hemdsärmeln, alten, verfärbten Hosen und übergroßen Pantoffeln und ging so auch an die Haustür, wenn Besucher kamen.

Draußen aber trug er nun Anzüge aus schwarzem Tuch mit schwarzer Velvetweste, weißem Hemd und schwarzer Seidenkrawatte und einem hohen glänzenden Zylinder. Aber Handschuhe zu tragen, war ihm nicht beizubringen. Er nannte es Tierquälerei.

Ob es ihm etwas ausmachte, wenn man über ihn lachte und ihn für nicht gesellschaftsfähig hielt? Vielleicht hatte er sich längst daran gewöhnt. Auch die vornehme Familie seiner Frau hatte ihn immer als einen Menschen zweiter Klasse behandelt. Er stammte aus ärmlichsten Verhältnissen. Aufgewachsen war er in einem aus Baumstämmen roh zusammengefügten Blockhaus, das aus nur einem Raum bestand.

Desto bewundernswerter war, wie er sich aus eigener Kraft zum Rechtsanwalt emporgearbeitet hatte. Zwar war das noch ohne höhere Schulbildung und sogar ohne Universität und ohne Ablegung einer Prüfung möglich gewesen – nachdem er mehrere Jahre lang auf eigene Faust Fachliteratur gelesen hatte, genügte es, dem höchsten Gericht seines Landes zu versichern, er habe "einen guten und moralischen Charakter", um dort als Anwalt zugelassen zu werden – dennoch war es eine beachtliche Leistung.

Vielleicht aber hat ihn die Hintansetzung durch die Familie seiner Frau doch sehr viel mehr getroffen als er erkennen ließ. Vielleicht war gerade sie ein wesentlicher Grund für den Entschluß, in die Politik zu gehen und seine Stellung als Anwalt aufzugeben. Übrigens tat er es zögernd, und als die eigentlich ja überraschende Entscheidung gefallen war, die ihn plötzlich nach ganz oben brachte, da scheint er selber erschrocken gewesen zu sein. Denn dieser sonst so redselige Mann, der unentwegt Geschichten und Anekdoten und Witze erzählte und der so gern Reden hielt, verstummte. Monatelang sprach er so gut wie gar nichts.

War er unsicher geworden? Überraschte es ihn, daß man ihn auch jetzt noch für einen Hinterwäldler hielt? Daß gerade jene Männer, die ihm als engste Mitarbeiter unterstellt waren, sich für kultivierter, gebildeter, fähiger hielten als ihn? Deutlich sah er, wie der ohnehin nicht große Respekt, den man ihm entgegenbrachte, durch sein gesellschaftlich mangelhaftes Auftreten noch geringer wurde.