14.40 Uhr die ersten hundert Zeilen für Seite 3 – Perfekte journalistische Produktion

Von Nina Grunenberg

Bitte vorsichtig tragen, sonst fließt Blut heraus – der alte Kalauer über die Bild- Zeitung hält sich immer noch; aber zutreffend ist er nicht mehr. Zu Mord und Totschlag sind längst auch Tränen, sind Liebe, Haß, Hunger, Sehnsucht und Sexualprobleme und nicht zuletzt Politik hinzugekommen, eine Komposition aus den "Dingen des Alltags", die täglich rund vier Millionen Bundesbürger bewegt und zum Kauf reizt und fast 14 Millionen zum Lesen.

Es ist ein Erfolgsstück, das im sechsten Stock des Hamburger Springer-Hochhauses täglich neu aufgeführt wird. Pünktlich um 12.30 Uhr versammeln sich die Mitglieder der Zentralredaktion von Bild zur Konferenz. Zur selben Minute wird das Telephon in den sieben Außenredaktionen – in München, Stuttgart, Frankfurt, Köln, Essen, Hannover und Berlin – nach Hamburg geschaltet. Vor dem Konferenzklavier sitzt Chefredakteur Peter Boenisch und drückt die Tasten: "Guten Morgen, meine Herren! Berlin, bitte... München, bitte... Stuttgart, bitte..." Der Nachrichtenbazar der Bild-Zeitung ist eröffnet. Die Produktion der Bundesausgabe von morgen beginnt (Hamburg und Berlin haben eigene Stadtausgaben).

Aus dem Material, das bis zum Mittag von den Außenredaktionen geliefert und in den zuständigen Ressorts gesichtet und ausgewählt wurde, bietet der Chef des politischen Ressorts an diesem Tag "Neue schwere Vorwürfe gegen die Luftwaffe" an, recherchiert vom Bonner Büro. Der Chef der Politik referiert ins Tischmikrophon:

"Die Grundüberholung eines Starfighters dauert höchstens zwei Wochen, die deutsche Luftfahrtindustrie braucht jedoch durchschnittlich drei Monate, um einen Starfighter zu überholen, weil die ‚Beschaffer‘ das Material nicht liefern... Die Folge: Die Truppe repariert die wenigen Maschinen, die ihr bleiben, selbst. Notdürftig und behelfsmäßig. Der technische Leiter einer Flugzeugwerft: ‚Wir bekommen dann hier Maschinen, deren Triebwerksauslässe zu Zunder verbrannt sind. Hydraulikanlagen sind mit Blumendraht festgebunden. Das machen die Einheiten, um überhaupt noch Maschinen in die Luft zu bekommen...‘"

Die Ressortleiterin für das "Vermischte", Inge Dähne, bietet aus Köln einen Streit um die singende Nonne Soeur Sourir an, vom Frankfurter Büro einen Theaterskandal. Stuttgart hat eine Aktion gegen Kindesmißhandlungen zu melden, das Münchner Büro ein Interview mit George Hamilton, dem angeblichen Verlobten der Präsidententochter Lynda Johnson. Hamburg möchte Photos der Schlagersängerin Sandy Shaw ins Blatt bringen und offeriert dazu noch einen Kommentar der Sängerin, der die Konferenzmitglieder schmunzeln läßt. "Mein Daddy begleitet mich immer", zitiert Inge Dähne, "aber er muß sich im Hintergrund halten, weil sonst meine Mutter neidisch und eifersüchtig wird."