Darf man dem volkstümlichen Spruch Glauben schenken, daß eine Krähe der anderen nicht die Augen aushackt, so wäre damit plausibel gemacht, daß es im deutschen Kunstleben keine Krähen gibt. Denn hier hackt jeder dem anderen die Augen aus. Womit dieser schlüssigen Unlogik nur noch die Frage beizugesellen ist, wie sich in einem solchen Klima eine Kunstzeitschrift zwanzig Jahre lang halten kann. Man vermutet einen großen, finanzstarken Verlag, aber Karl G. Fischer, der die Zeitschrift "Das Kunstwerk" 1955 von ihrem Begründer Woldemar Klein übernommen hat, ediert sie in dem kleinen Agis-Verlag, "er gehört zu den leisen Verlegern, die weniger proklamieren, aber mehr tun; die nicht alles und nicht nichts, sondern genau das vertreten, was sie publizieren". Max Bense, der das kürzlich schrieb, bestätigte gleichzeitig dem "Kunstwerk", "vielleicht die informationsreichste und kritischste deutsche Zeitschrift für Moderne Kunst" zu sein.

"Das ‚Kunstwerk‘ geht ein" oder "Klaus Jürgen-Fischer (neben Leopold Zahn und Rolf-Gunter Dienst einer der Redakteure der Zeitschrift) hat sich mit seinem Vater überworfen", versichern uns händereibend die Auguren von Zeit zu Zeit. Was sind das für Auguren? Soweit ich sie kenne und höre: Maler, Plastiker, Kritiker, die geschäftig mit dem "Kunstwerk" unter dem Arm herumliefen, solange sie selbst dort gedruckt oder besprochen waren; dann aber, als das nicht mehr der Fall war, die Zeitschrift verwünschten. Warum sollte man anläßlich des 20. Jahrganges dieser Kunstzeitschrift nicht einmal von den Komplikationen reden, in die einer-gerät, wenn er hierzulande in monatlichen (von jetzt an zweimonatlichen) Nummern moderne wie aktuelle Kunst publiziert? Der Boden scheint der denkbar ungünstigste, da man gemeinhin nicht bereit ist, Sachfragen von persönlichen Problemen zu trennen.

Sind von den drei Redakteuren zwei überdies praktizierende Künstler, so scheint das Problem zum ausweglosen Dilemma zu werden. Warum eigentlich? Ist nicht der Künstler der nächste, sich um sein Metier zu kümmern, vor allem wenn und solange er fähig ist, Kunst über seine eigenen vier Leinwandecken hinaus zu verfolgen?

Gewöhnlich schließt der bildende Künstler von seiner eigenen Egozentrik auf die des anderen als auf ein Axiom, während der Kritiker sie von ihm geradezu verlangt als Ausweis seiner Originalität. Nein, die Publikationen so verschiedener Künstler wie Marcel Duchamp, Kandinsky, Max Bill oder Allan Kaprow belegen, daß es primär nicht eine Frage der Toleranz ist, sondern der Intelligenz, über sich selbst hinwegzusehen zu der Problematik eines anderen.

Es muß nicht erst gesagt werden, daß es keine Patentlösung dafür gibt, wie eine Kunstzeitschrift zu machen ist. Ich meine jedoch, daß die Bereitschaft, seinen Standpunkt, seine Form zu revidieren, nach der besten Möglichkeit zu suchen, dem Leser Informationen, Analysen, Material zur Auseinandersetzung zu geben, diese Bereitschaft, die an den Jahrgängen des "Kunstwerkes" sichtbar wird, für die Redaktion spricht. Daß es ihr gelungen ist, in den letzten Jahren deutsche wie internationale Kunst gleichgewichtig zu. präsentieren, möchte ich ihr als höchstes Verdienst zurechnen. Es versteht sich, daß eine solche Zeitschrift in ihrer einzelnen Nummer nie das gleiche Niveau halten oder allumfassend sein kann; das Bild, das sich aus ihr über die Kunst von heute ablesen läßt, kann immer nur sukzessiv gegeben werden. Für viele, Künstler und Interpreten, den Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen, war das "Kunstwerk" ein erstes Forum, sich vorzustellen, sich bekanntzumachen, in der Kunstdiskussion Stellung zu nehmen.

Jürgen Claus