Von German Kratochwil

Die lateinamerikanische Literatur kommt nicht aus jungen Staaten, sondern aus alten, politisch und sozial verdorbenen Ländern. Das hat Vorteile für die Prosakunst, die am Gründer-Enthusiasmus und an der optimistischen Vereinfachung scheitert. Am besten nutzten diese Vorteile die freiwillig Exilierten und die Besucher Europas. Sie schulten ihren Geschmack, wo ihn Europäer oft schon verloren haben, sie eigneten sich Ironie an, um sich nicht so wichtig zu nehmen, wie es Leute aus "Entwicklungsländern" nicht selten tun, sie sahen ihre Probleme aus einer objektiveren Sicht, und sie brauchten ihre heimatlichen Zensoren nicht zu fürchten.

Es entstand eine moderne lateinamerikanische Literatur gewissermaßen von europäischen Gnaden. Gallimard, Feltrinelli, Suhrkamp haben mehr Geld und einen größeren Markt als die meisten Verlage des Subkontinents. Sie zahlen in stabileren Währungen.

Zu den ins Deutsche übertragenen Büchern von Guimarães Rosa, Borges, Carlos Fuentes, Miguel Angel Asturias – Autoren, die mit Europa seit vielen Jahren vertraut sind – kommen jetzt ein peruanischer und ein argentinischer Roman. Beide Werke bringen ein Bettseller-Alibi aus Südamerika mit.

Den Krieg vor dem Krieg, die Methode der Entmenschung in einer peruanischen Kadettenanstalt schildert der Roman von

Mario Vargas Llosa: "Die Stadt und die Hunde", aus dem Spanischen von Wolfgang A. Luchting; Rowohlt Verlag, Reinbek; 404 S. und eine Faltkarte von Lima, 24,– DM.

Der junge dreißigjährige Peruaner lebt heute in Paris und hat die Anstalt besucht, über die sein Buch berichtet. Der unverbindliche Stil, dem alle Sentimentalität fremd ist, erinnert, wenn er das militärische Treiben und den Vorgang der Vertiefung darstellt, an den Roman von Bulatović "Der Held auf dem Rücken des Esels". Wie bei dem Montenegriner bleibt im Leser nach der Barbarei ein genauer Begriff von Menschlichkeit zurück – obgleich davon nicht die Rede war.