Dachau

Der alte Mann hält einen Plasticbeutel mit Erde in seinen Händen. Seine Frage, ob das Büro heute, am Totensonntag, geöffnet sei, muß der Museumsdiener verneinen. Auf den fragenden Blick des Wächters mit der Amtsmütze gibt der weißhaarige Mann bereitwillig Auskunft. Ihm ist anzumerken,-daß sein Herz voll ist und der Mund überfließt. Während er den Beutel immer wieder zeigt, sagt der 72jährige Karl Zimmet, er möchte im Büro nur eine schriftliche Bestätigung bekommen, daß diese Erde tatsächlich aus dem Konzentrationslager Dachau stammt. Zimmet hat die Erde mit seinen Händen zusammengekratzt, „an der Erschießungsstätte direkt, wissen Sie, dort, wo 92 Russen erschossen wurden“.

Der ehemalige Widerständler gegen Hitler („schon bevor der an die Macht kam, nicht erst hinterher“) Wurde im Januar 1945 aus einem Potsdamer Gefängnis von der Roten Armee befreit. Zimmet und seine „antifaschistische Volksfront“ hatten während des Krieges Verbindung zu sowjetischen Kriegsgefangenen. Zum zwanzigsten Jahrestag des Kriegsendes hat das Kriegsveteranen-Komitee der UdSSR ihn nebst Frau nach Moskau und Leningrad eingeladen.

Karl Zimmet hat sich selbst die Verpflichtung auferlegt, blutgetränkte Dachauer Erde in die Sowjetunion zu schicken. Die Kenntnisse der Russen an den Vorgängen im KZ Dachau, wo rund sechstausend russische Kriegsgefangene auf dem SS-Schießplatz erschossen wurden, haben Zimmet überrascht. Ihm sind von dem Geschichtsschreiber Protzki zahlreiche Namen von Bewohnern aus der Dachauer Umgebung genannt worden, die den sowjetischen KZ-Häftlingen geholfen haben. Er soll sie jetzt finden.

Die Bewohner der Lagerumgebung reagieren allergisch auf die unwillkommene Nachbarschaft, weil sie auch zwanzig Jahre nach dem Krieg noch nicht den Namen ihres Wohnortes aussprechen können, ohne gleich auf die vielsagende Gegenfrage zu stoßen: „Ach, jenes Dachau ... ?“

Sicher ist Karl Zimmet beim Verfassungsschutz und einschlägigen Behörden kein unbeschriebenes Blatt mehr. Auf die Erinnerungsstätten an die schreckliche Zeit wird ein eifriges Auge geworfen, weil dorthin auch Menschen pilgern, die aus dem Ostblock kommen. Eine sich besonders schlau dünkende Behörde griff aber nicht ein, als Vertreter aus der DDR Kränze in Dachau niederlegten. Vielmehr entfernte hinterher die Polizei die Kranzschleifen mit Hammer und Zirkel oder dem DDR-Aufdruck. Eine dreiköpfige Jugenddelegation protestierte gegen diese Polizeiaktion im Münchner Innenministerium, und der Pressereferent, Oberregierungsrat von Mosch, ist überzeugt, daß der ihm dabei überreichte Brief schon vorgefertigt und von drüben mitgebracht worden sei.

Im frostigen, aber sonnigen Wetter des Totensonntags passierten mehr als zweitausend Besucher das Museum im umgebauten ehemaligen Wirtschaftsgebäude und die weiträumigen Anlagen des erhaltenen KZ Dachau. Zu dem vollen Parkplatz und dem nicht abreißenden Strom der Besucher versichern die Museumswächter, dergleichen sei bei schönem Wetter jedes Wochenende üblich. Seit das vom Comité international de Dachau mit Unterstützung des bayerischen Staates eingerichtete Museum im Mai 1965 eröffnet wurde, haben über sechshunderttausend Menschen, davon mehr als die Hälfte Deutsche, die KZ-Erinnerungsstätte Dachau besucht. Bundeswehr und Schulen rücken in Omnibussen an.