Von Manfred Triesch

Alte Damen, die sich literarisch betätigen, zeigen mit überraschender Übereinstimmung, was es vor zwei Generationen mit der Familie und der Beschränkung auf ihren Kreis noch auf sich hatte: insbesondere die angelsächsischen Damen. Um drei zu nennen: Mazo de la Roche, Katherine Anne Porter und Ivy Compton-Burnett, Nicht nur die Beschränkung auf die Familie ist ihnen gemeinsam, sondern auch die auf jene Zeit. Alle drei schreiben bis auf den heutigen Tag. ohne sich um unsere Tage zu kümmern. Am weitesten hat es von ihnen noch Katherine Anne Porter gebracht, die sich mit dem "Narrenschiff" immerhin bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts vorgewagt hat. Von dieser einzigen Ausnahme abgesehen, sind sich die drei Damen darin einig, daß die Zeit vor und um die Jahrhundertwende der Abschnitt ist, der ihnen am meisten bedeutet. Ivy Compton-Burnett, 1892 geboren, macht daraus eine Theorie. Sie sagt: "Ich glaube, nicht, daß ich ein tatsächliches oder organisches Wissen vom Leben nach 1900 habt."

Ivy Compton-Burnett gehört zu den Großendes englischen Romans, Katherine Anne Porter zu den Besten der Kurzgeschichte überhaupt. Während die letztere in Deutschland längst bekannt ist, wenn auch aus dem falschen Anlaß, machen wir die Bekanntschaft jener erst jetzt dank der verspäteten Übersetzung des bereits 1939 erschienenen Romans

Ivy Compton-Burnett: "Eine Familie und ein Vermögen" (Originaltitel: "A Family and a Fortune"), aus dem Englischen von Wolfgang von Einsiedel; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 381 S., 24,– DM.

Die Übersetzung eines Romans von Ivy Compton-Burnett war überfällig. In England genießt sie seit 1925 stetig wachsendes Ansehen, wenn auch nicht den Erfolg, der anderen zeitgenössischen Romanciers wie Kingsley Amis oder Iris Murdoch zugefallen ist. Ihre Leserschaft ist relativ klein, dafür um so exklusiver, wenn man bedenkt, wie gründlich und weitläufig sich andere englische Autoren mit ihrem Werk auseinandergesetzt haben. Eine Autorin für Autoren? Das nicht gerade, aber immerhin eine schwierige Lektüre. Angus Wilson, Evelyn Waugh, Kingsley Amis, Arnold Bennett und auch Nathalie Sarraute haben sie kommentiert und analysiert, verglichen und sich zu keinem Urteil durchfinden können. In ihren Bemerkungen zu Ivy Compton-Burnetts Werk haben diese Schriftsteller im Grunde nichts anderes getan, als ihren eigenen Standort zu definieren. Mit ihrer Technik, mehr als mit ihrem gedanklichen Konzept, scheint Ivy Compton-Burnett Unruhe unter ihre Kollegen zu bringen. Sie bekommen die alte Dame mit ihren achtzehn Romanen nicht in den Griff, können sich nicht auf ihre Eigenart verstehen. Einig ist man sich nur darüber, daß die Bücher alle über einen Leisten geschlagen seien und es auch wieder nicht seien, daß man sich nach der Lektüre des zweiten schon nicht mehr auf die Handlung des ersten besinnen könne (dieses Mißgeschick ist dem amerikanischen Kritiker Granville Hieb mit acht der achtzehn Romane passiert).

Was hat es nun auf sich mit diesem Leisten? Ivy Compton-Burnetts Romane ähneln sich tatsächlich in vieler Hinsicht. Sie spielen alle im Kreis einer Familie, beziehen die Außenwelt überhaupt nicht ein und handeln in den Jahren-von 1885 bis etwa 1910. In allen Romanen erscheinen die gleichen Gestalten: ein Haustyrann oder deren zwei, ein paar frühreife Kinder mit boshaften Bemerkungen auf den unschuldigen Lippen, eine Schar von Dienern, Erziehern und Nachbarn, denen die Funktion zufällt, das Familiendrama mit einem zwar nicht besonders wichtigen, aber doch plausiblen Hintergrund zu versehen. Der Ort des Dramas liegt abgeschieden, und es bleibt gewöhnlich ungeklärt, woher die Speisen kommen, die die Familienmitglieder mit großer Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit an den Tisch locken, an dem die großen Auseinandersetzungen inszeniert werden. In der Regel geht es um Geld.

"Eine Familie und ein Vermögen" nennt das Thema und den Kreis, in dem es ausgetragen wird, schon im Titel. Ivy Compton-Burnett scheint diese Spielerei mit programmatischen Titeln zu lieben ("Darkness and Day", "A Father and bis Fate", "A Heritage and its History", "A God und bis Gifts", "The Mighty and their Fall"). In allen ihren Titeln stehen. sich zwei Mächte gegenüber, daren gespanntes Verhältnis zueinander beunruhigt. Man ahnt nichts Gutes.