Am Pg. Kiesinger schieden sich am Wochenende zum erstenmal die Geister in der SPD. Fraktionsgeschäftsführer Karl Mommer trat mit einer geharnischten Erklärung an die Öffentlichkeit: Kiesinger dürfe kein Kanzler werden, weil schon jetzt die Nominierung eines ehemaligen Nationalsozialisten im Ausland erschreckend gewirkt habe.

Zur gleichen Zeit stieß der stellvertretende Fraktionschef Alex Möller ins Horn. Auch er warnte vor einer Großen Koalition unter Kiesinger, mit dem er als Koalitionspartner in Stuttgart nicht die besten Erfahrungen gehabt habe.

Willy Brandt und Herbert Wehner wurden durch diese Attacken ihrer Parteifreunde ein wenig aus dem Konzept gebracht. Sie wollten mit den anderen Bonner Parteien zunächst nur über Sachfragen verhandeln und die Personalfragen noch hintanstellen.

Schon nach den ersten Verhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD war von interessierter Seite das Gerücht ausgestreut worden, den Sozialdemokraten sei von der CDU bereits angeboten worden, Kiesinger als Kanzlerkandidaten fallenzulassen.

Nach der Bayernwahl stellten sich Königmacher Strauß und die Spitzen der CDU noch einmal betont vor Kiesinger. Konrad Adenauer schickte sogar ein Telegramm an jüdische Kriegsveteranen in den USA. Er habe Kiesinger als aufrechten Demokraten kennengelernt, versicherte der Altbundeskanzler.

Zuvor hatte schon ein US-Abgeordneter besorgt an Außenminister. Rusk geschrieben, für ihn sei ein Bundeskanzler unvorstellbar, der "freiwillig in der kriminellsten Organisation war, die es jemals gab". Wie zu erwarten, holte SED-Propagandachef Albert Norden aus den Ostberliner Archiven bereits die ersten Dokumente, die Kiesinger als aktiven Nazi diffamieren sollen.

Der NPD-Sieg in Bayern, der im Ausland mit dicken Schlagzeilen angeprangert wurde, verstärkte nur noch den Argwohn mancher Ausländer. Expartisanen und Gettokämpfer appellierten in Tel Aviv an die Großmächte, sie sollten den Vormarsch des Nazismus in Deutschland aufhalten. Verlaß sei weder auf den ehemaligen Wehrmachtsoffzier Franz Josef Strauß noch auf Willy Brandt, "der Strafentlassenen Kriegsverbrechern Blumen schickt" (nämlich der Tochter Speers, d. Red.).