Von Fritz Richert

Wer die Gründe kennt, die für das Aufkommen Hitlers in den letzten Jahren der Republik von Weimar genannt werden, wird sich wundern, daß die NPD bei den letzten Wahlen zwar keine beängstigenden, doch beachtenswerte Erfolge errungen hat. Es scheint bei uns alles auf das Beste bestellt zu sein, die Beschwerden der "nationalen Oppositon" in Weimar scheinen ausgeräumt zu sein. Doch entspricht die Wirklichkeit diesem Bild, gibt es nicht Ansätze genug, die alten Mythen wiederzubeleben?

Deutlich unterscheiden sich zwei Gruppen von NPD-Anhängern. Die älteren, die mangels geistiger Bemühung die Welt noch immer nach den Kriterien beurteilen, die ihnen deutschnationale Lehrer vermittelten, und die Jüngeren, die "etwas Neues" suchen.

Die älteren Wähler schätzen an der NPD, daß sie fremdenfeindlich, geistfeindlich und fortschrittsfeindlich ist und die deutsche nationale Ideologie wiederbelebt. Die NPD ist gegen Gastarbeiter, gegen die moderne Kunst und die "dekadenten" Schriftsteller, und sie gibt vor, die von der Konkurrenz bedrohten kleinen Ladenbesitzer und Fabrikanten schützen zu können. Beobachter von Versammlungen der NPD heben übereinstimmend. hervor, daß die Versuche der Altparteigenossen, mit Hilfe der neuen Partei ihre Westen weiß zu waschen, von den Zuhörern überhört werden, daß hingegen die Appelle, zu neuen Ufern aufzubrechen, und die Kritik an den aus Steuergeldern finanzierten "Lizenzparteien" Beifall finden. Beliebte Schlagworte sind auch die Entwicklungshilfe und die "Überfremdung der deutschen Wirtschaft".

Die NPD hat also eine soziale und eine emotionale Basis. Das Wirtschaftswunder hat Fußkranke zurückgelassen; bezeichnenderweise findet die NPD in den kleinen Städten und auf dem flachen Lande mehr Zulauf, und Angestellte, die von den Arbeitern überholt wurden, sehen in ihr ein Mittel, Unmut zu äußern. Daß dieselben Menschen bisher oft FDP gewählt haben, darf nicht wundernehmen. Die SPD war für sie, die noch im alten Antisozialismus verhaftetsind, nicht wählbar, und so bot sich die FDP als einzige "Oppositonspartei" an, von der überdies zu erhoffen war, daß sie besonders die mittelständischen Interessen, was immer man darunter verstehen mag, vertrete. Einen Sonderfall stellen die Wahlergebnisse in den fränkischen Städten dar. Für manche protestantische bürgerliche Wähler ist die CSU nicht wählbar, weil sie zu bayrisch und zu katholisch ist, die FDP aber erscheint ihnen zu einflußlos und zu wenig kampflustig.

Zweifellos ist es für die NPD von Vorteil, daß sie mit der etablierten Macht gar nichts zu tun hat; das zieht junge Menschen an. Versprechen die Agitatoren doch alles ganz anders, sauberer und ordentlicher zu machen und der Vermassung entgegenzuwirken, was dem Individualismus der Jüngeren schmeichelt. Wenn eine Autofirma damit wirbt, daß ihr Produkt-hundertmal seltener auf den Straßen zu sehen ist als andere Autos, dann kann auch die Exklusivität der Ausnahmestellung einen Anreiz bieten. Verfolgungen und Diskriminierung dürften deshalb nur negative Wirkungen zeigen.

So schwer es uns auch ankommt, wir müssen der neuen Rechtspartei, gerade weil in ihr Gefühle zusammenrinnen, mit kühler Vernunft begegnen. Schimpfereien sind ebenso fehl am Platze wie hysterisches Geschrei. Was wir vor uns sehen, ist eine Partei, die unterschwellig immer vorhanden war – und es auch nach einem Verbot wäre. Ohne daß die Wähler ein Programm gelesen,ohne daß sie die führenden Männer gesehen hatten, spürten sie den Stallgeruch. Erstaunliche Fakten: Eine konservative Partei, die alles anstrebt, nur nicht das Erhalten des Bestehenden, die nicht wie ihre deutschnationale Vorgängerin auf den Kaiser zurückgreifen kann und deren Konservatismus deshalb ohne jede Basis ist. Und eine Partei, die sogar die Neigung zur Persönlichkeitswahl ignorieren kann.