Als achter Band der Reibe "Facsimile Querschnitte durch alte Zeitungen und Zeitschriften" legt der Scherz Verlag jene Zeitschrift vor, die dem Jugendstil den Namen gab, die Jugend, die von 1896 bis 1939 in München erschien. Es tut dem Verdienst der Reihe keinen Abbruch, wenn man ihren zeitgeschichtlichen Quellenwert gering einschätzt Nicht weil die Auswahl nachlässig wäre — im Gegenteil muß man den Herausgebern bescheinigen, daß sie keinen Aspekt, weder den künstlerischen noch den politischen oder den redaktionellen, außer acht gelassen haben. Und sie waren auch nicht zu nachsichtig: Es ist ihr besonderes Verdienst, den Widerspruch der Satiriker deutlich gemacht zu haben, die, bayerisch progressiv, den Kirchenkrämersgeist attackierten, aber auch, national reaktionär, ihre Feder der Kriegsertüchtigung liehen und mit Stolz, daß im Deutschen Reich so etwas nicht vorkommt, englische Verhältnisse anprangerten, wo ein Schwarzer mit einer weißen Frau an der Theke schmusen darf.

Die Auswahl also ist gut, mit dem unausweichlichen Erfolg, daß man am Ende nur noch Exempel hat, die für eine Richtung stehen, und nicht, mehr den Kontext. Wie gut diese Querschnittbücher auch sein mögen, sie ersetzen nicht die Zeitschriften als Quelle für den historisch Interessierten.

Was die zusammengefaßte Jugend wirklich interessant und fruchtbar macht, sind die in mehr oder minder großer Entfernung zum reinen Jugendstil angesiedelten Illustrationen der Jahre bis 1910. Besser als in den Büchern, die dem Wort "Jugendstil" Glauben schenken und ihn als künstlerischen Stil auffassen, wird hier deutlich, daß er das gerade Gegenteil eines Stils ist, weil sich zum erstenmal der Ausdruckswille mit dem Kopf voraus in die Zukunft gestürzt hat "Ausgeschlossen ist jede Anlehnung an einen bestimmten alten Stil", heißt es in den Bedingungen zum Preisausschreiben der ersten Nummer der Jugend, das Entwürfen für Titelblätter galt. Zum Thema Jugend jedoch fiel den Herausgebern gar nicht so Neues ein: "Frühling, Liebe, Kindheit, Brautzeit, Mutterglück, Mummenschanz, Sport, Schönheit, Poesie, Musik usw Die Linie der Zeitschrift wurde dementsprechend. Kitsch und Geschmacklosigkeit wurden zwar, hübsch modisch und zuweilen mit wirklichen graphischen Einfallen darwell selbstbewußt Überhaupt treffen die Wörter Mode und Einfall die Sache besser als Stil. Denn mehr als einer neuen Sehweise entsprach diese unbezweifelbare optische Wandlung einerseits dem Zwang nach neuer Darstellungsweise, nach Neuheit überhaupt, die in ihren Mitteln nicht allzu wählerisch ist; andererseits aber auch, im Dienst der Satire, der Notwendigkeit, Auffassungen optisch eindringlich wiederzugeben. Wie im allgemeinen Jugendstil die Erscheinung der Mode zuerst ihre eigene Dynamik entfaltete, so ist im Bereich der Publizistik die frühe Jugend eine Vorläuferin unserer Illustrierten, wenn sie gerade jenen Punkt bezeichnet, wo die Reklame ihre Mittel erzeugt und die Graphik, wenn sie nicht schon gelegentlich für Odol wirbt, den eigenen Stil wie zur Übung propagiert.

Es ist reizvoll, in diesen Museumsstücken der Bildpublizistik nach Vorläufern der Gegenwart zu forschen. Zwar gibt es erst graphische, noch keine photographischen Illustrationen, und Satire und Karikatur sind umfangreicher vertreten als heute, aber es entwickeln sich die große graphische Aufmachung, das Layout, und auch nackte Mädchen wurden, oft sehr unsicher noch, in freier Anlehnung an Licht- und Sonnenmystik und an Mythologien an passenden und unpassenden Stellen eingesetzt, nur weil ein nacktes Mädchen immer lustig aussieht. Spielend haben damals die graphischen Mitarbeiter der Jugend die effekthascherischen Mittel der Werbung ausprobiert, bevor überhaupt eine richtige Aufgabe für sie gefunden war ("Facsimile Querschnitt durch die Jugend"; Scherz Verlag, München; 29 Seiten Text, 176 teils farbige Faksimiles, 24 80 DM ) Helmut Linder