Luca Pietromarchi: Die Welt der Sowjets. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln. 479 Seiten, 39,80 DM.

Die Zeit, da die Erinnerungen eines Botschafters noch politischen Sprengstoff enthalten konnten, ist offenbar vorüber. Mindestens im Verkehr zwischen westlichen und östlichen Staaten ist die Diplomatie mehr und mehr zu einer protokollarischen Förmlichkeit geworden, der selbst das bloße Fluidum des Vertraulichen und Geheimen fehlt. Sonst sähe das vorliegende Buch anders aus.

Graf Luca Pietromarchi war während der Ära Chruschtschows, von 1958 bis 1961, als Botschafter Italiens in Moskau. Dennoch hat das, was er auf fast fünfhundert Seiten über die Sowjetunion berichtet, nur selten die Unmittelbarkeit des persönlichen Erlebens oder das Gewicht eines durch den eigenen Augenschein gewonnenen, subjektiven Urteils.

Die allgemeine Darstellung umfaßt zwei Drittel des Bandes und schildert so gut wie alle Aspekte des sowjetischen Lebens, die der westliche Besucher wahrzunehmen gewohnt ist: das Land und die Leute, die Ideologie und die Diktator der Partei, die Industrialisierung und die Landwirtschaft, die Schule und den Kampf gegen die Religion. Wo der Autor die Fakten mit Wertungen verbindet, beruhen diese auf seiner politisch konservativen, wirtschaftlich liberalen und geistig christlichen Grundeinstellung. Nur selten weicht Pietromarchi von diesem Schema ab, und dann weiß er den Leser zu interessieren, etwa mit seinen prägnanten Porträts Chruschtschows und seiner Nachfolger.

Bei seiner ausführlichen und materialreichen Darstellung des sowjetischen Wirtschaftssystems zeigt Pietromarchi eine gewisse Schwäche für eine bloß statistische Beweisführung, die gelegentlich – ohne bei der Sachlichkeit Station zu machen – ins Emotionale umschlägt. In der Mißernte von 1963 sieht er ein entscheidendes Indiz für den Niedergang der sowjetischen Landwirtschaft und kommt zu dem bezeichnenden Schluß: "Für die Sowjets ist nicht der Mensch das grundlegende Element der Produktion, für sie ist die Basis die Maschine, die Technik, das Düngemittel. So flüchtet man von einem Mythos in den anderen, man schwört auf die Mechanisierung, auf die allgemeine Einführung der Technik, so wie jetzt auf die Chemie als Mittel zur Steigerung landwirtschaftlicher Erträge geschworen wird. Jetzt glaubt man, daß der Kunstdünger das Wunder reicher Ernten herbeiführen wird. Man vergißt die alte biblische Wahrheit, nach der nichts den Boden fruchtbarer macht als der Schweiß des Menschen." (S. 241) Und die bevorstehende Rekordernte von 1966?

Im letzten Drittel des Buches werden die außenpolitischen Ziele der Sowjetunion erörtert. Man wird Pietromarchi nicht widersprechen können, wenn er die sowjetische Außenpolitik ständig mit dem Konflikt zwischen Moskau und Peking in Zusammenhang bringt. Er geht davon aus, daß diese Auseinandersetzung kaum auf der Ebene eines innenpolitischen Wettbewerbs um Wohlstand und Liberalität entschieden werden wird, zumal sich die beiden Kontrahenten im Innern auf ein konsolidiertes totalitäres Machtgefüge stützen können. Eher wird es nach Meinung des Autors darum gehen, dem Gegner die eigene Überlegenheit durch außenpolitische Erfolge gegenüber der westlichen und der neutralen Welt zu demonstrieren; womit der alte Plan der Sowjetpolitik, die Weltherrschaft, eine zusätzliche Motivation erhalte.

Zwischen dem Blockdenken von Dulles und den Theorien de Gaulles schwankt Pietromarchi in der Beurteilung der europäischen Politik: Er empfiehlt die Integration zugleich als Stütze der Allianz gegen den Kommunismus und als Baustein eines Europa vom Atlantik bis zum Ural. Der Leser, der hofft, diesen Widerspruch, mit dem sich die Bundesrepublik seit Jahren außenpolitisch abmüht, endlich einmal aufgelöst zu sehen, wird allerdings enttäuscht. Auch hier spielt – wie in den Reden vieler deutscher Politiker – die Rhetorik der Logik einen Streich. Ein halbverstandener Gaullismus gilt offenbar auch anderswo mitunter mehr als gar keiner.

Dieter Ross