Die Schweizer können sich neuerdings per Telephon mit einem Elektronengehirn unterhalten. Wenn sie die Baseler Rufnummer 24 66 86 wählen, werden sie am anderen Ende der Leitung mit einem Computer verbunden. Sie können mit der Maschine zwar nicht wie mit Menschen reden. Sofern sie aber eine Schreibmaschine mit besonderen Zusatzgeräten besitzen, die ähnlich wie ein Fernschreiber ans Telephonnetz angeschlossen ist, dann können sie den Elektronenrechner benutzen, als stünde er bei ihnen zu Haus oder im Büro.

Seit dem 1. November ist im IBM-Rechenzentrum in Basel dieser Computer vom Typ 360 über die Öffentlichen Fernsprechkabel erreichbar. Damit existiert jetzt auch in Europa erstmals eine Datenfernverarbeitungsanlage für jedermann. Vorbilder solcher allgemein zugänglicher "Tele-processing-Systeme" stehen in den Vereinigten Staaten schon in größerer Zahl. Vor allem wirtschaftlicher, kommerzieller Bedarf ist der Grund für deren Einrichtung, weshalb wohl auch in der Bundesrepublik der "Telephon-Computer für jedermann" nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen wird.

Je mehr große Unternehmen ihren eigenen Computer – gemietet oder gekauft – besitzen, womöglich mit interner Datenfernverarbeitung bei weit übers Land verzweigten Konzernen, desto stärker sehen sich auch Selbständige und kleinere Betriebe unter dem Druck der elektronenschnellen Konkurrenz gezwungen, mit Computern zu arbeiten. Doch weder der Kauf noch die Miete wäre für sie zur Zeit rentabel. Die Datenfernverarbeitung für jedermann bietet hier die preiswerte Lösung. Neben der Außenstelle mit Schreibmaschine und Zusatzgeräten sind nur die üblichen Telephongebühren und die Kosten für die tatsächliche Inanspruchnahme des Computers zu bezahlen, und dabei handelt es sich jedesmal nur um Markbeträge, denn das Elektronengehirn arbeitet wirklich in Sekunden und Bruchteilen von Sekunden.

In der Schweiz haben zunächst drei Ingenieure den Anfang gemacht. Weitere 28 Außenstellen können über dieselbe Telephonnummer an den Baseler Computer angeschlossen werden. Selbst wenn alle 31 Außenstellen zur selben Zeit mit dem Rechenzentrum verbunden wären, hätte jedoch jeder Benutzer den Eindruck, der Computer sei nur für ihn ganz allein da.

Das Elektronengehirn sorgt selber dafür, daß keiner etwas vom anderen merkt; es arbeitet so schnell, daß es sich leisten kann, jeden der 31 Kunden stets nur in Intervallen von Millisekunden Dauer zu bedienen. Der eine will vielleicht die Statik von Betonpfeilern berechnet haben. Ein anderer verlangt die wöchentliche Lohnabrechnung. Ein dritter wartet auf die Liste mit den Nachbestellungen für sein Lagersortiment. Ein vierter womöglich hat eine Analyse der Kursentwicklung an der Börse in Auftrag gegeben.

An jeder dieser und weiterer Rechenoperationen arbeitet die Maschine nur millisekundenlang, dann geht sie für ebenso lange Zeit an das nächste Rechenprogramm und so weiter die ganze Reihe durch, bis sie nach entsprechend vielen Millisekunden wieder an die erste Aufgabe gelangt und diese fortführt. In diesem Stil geht es etappenweise der Reihe nach weiter. Schließlich – vielleicht nur eine oder zwei Sekunden nach Beginn – fängt sie an, die ersten Buchstaben der Ergebnisse in die Schreibmaschinen der Außenstellen zu tippen. Da diese Schreibmaschinen "nur" etwa 14 Zeichen in der Sekunde ausdrucken können, hat der Computer Zeit, in den "Pausen" die Schreibmaschinen der anderen Außenstellen mit einzelnen Buchstaben der Resultate zu beliefern.

Die Sprache zu verstehen, in der der Computer antwortet, ist längst nicht mehr nur Programmierern vorbehalten. Zumeist handelt es sich ohnehin um Zahlenergebnisse, und die sind sozusagen international verständlich. Die Wörter dagegen, die der Rechner wiedergibt, sind stets jene, die der Benutzer ihm zuvor beigebracht hat. Das Elektronengehirn soll ja nichts neues erfinden, sondern Antworten auf ganz präzis gestellte Fragen geben.