Von Werner Höfer

Thomas Dehler, der große alte Mann des deutschen Liberalismus, sitzt in seiner Klause im Präsidentenflügel des Bundeshauses, umwölkt von Zigarrenrauch und Melancholie. Dem Ergebnis der Bayern-Wahl nachsinnend, erinnert er sich seines Freundes Ernst Lemmer, der in jungen Jahren bei den Liberalen war, es dort aber nicht ausgehalten habe, weil die Spannung in Wahlnächten – "... immer diese Ungewißheit!" – zuviel gewesen sei für seine Nervenkraft.

"Sie, Herr Dr. Dehler, haben sich aber wohl an das Auf und Ab Ihrer Partei gewöhnt?"

"Mehr an das Ab ..." Und mit einem Ton, der einem Lear-Darsteller Ehre machen würde, beschreibt er seine Empfindungen aus der Nacht des Computer-Wettrennens: "Da glaubt man, gewisser noch als vorher, an seine Sache. Da hofft man, entschiedener noch als zuvor, auf den Erfolg seiner Sache. Und da ist man, beim insgeheim befürchteten Mißerfolg, um so enttäuschter, je weniger es die Sache gewesen ist, die den Wahlausgang entschieden hat."

Der Franke Thomas Dehler ist auf mannigfache Weise von der Niederlage der FDP betroffen. Es ist seine Partei, die nun im Münchner Landtag fehlen wird; es ist seine Heimat, in der sich das Schicksal der FDP in Bayern entschieden hat. Und noch immer grübelt er über die Gründe für Erfolg und Mißerfolg nach. Dies ist seine private und vorläufige Gewinn- und Verlustrechnung:

Die CSU ist im Wahlkampf mit ganzer Kraft und mit nicht immer christlichen Methoden gegen die FDP aufgetreten, massiver jedenfalls als gegen SPD und NPD. Die Kirche hat der Siegerpartei nicht nur in den Wochen vor der Wahl, sondern jahraus, jahrein geholfen. Er habe als Bundesjustizminister den "Kanzelparagraphen" aufgehoben und damit erst, vom Kardinal bis zum Kaplan, die Wahlpredigten gegen seine Partei ermöglicht.

Aber Thomas Dehler meint es mit der Freiheit so ernst, daß er sie selbst dann verteidigt, wenn sie sich gegen ihn wendet. Das gilt auch für die Zehn-Prozent-Klausel, die ein Bestandteil der bayerischen Verfassung ist, und von der er sagt, sie sei weitgehend das Ergebnis eines Arrangements zwischen dem Sozialismus Hoegners und dem Klerikalismus Hundhammers. Er, der Vertreter des Liberalismus, habe diese Wahlrechtsklausel hingenommen, weil er die Absicht, die mit ihrer Einführung verbunden war, damals für realistisch gehalten habe: daß mindestens zwei Parteien, die FDP und die BP, zwar nicht im ganzen Freistaat, wohl aber in einzelnen Bezirken stets über die Zehn-Prozent-Hürde hinwegkommen würden. Der 20. November 1966 habe bewiesen, daß diese Rechnung nicht immer aufgehen muß.