Zuerst habe auch ich angenommen, es gehe jetzt in Bonn darum, eine neue Regierung zu bilden und einen neuen Kanzler zu wählen. Das sieht aber nur so aus. Genauso könnte man den Eindruck haben, in Bonn hätte man – analog zum Doppelstopper-System im Fußball – das Doppelkanzler-System erfunden und wir würden darum seit Wochen von zwei Kanzlern regiert – einem amtierenden und einem kandidierenden.

In Wahrheit werden wir gar nicht regiert, nicht einmal schlecht.

Tatsächlich haben alle in Bonn versammelten Parteien und Politiker nur einen Wunsch gemein: nicht in die Regierung zu kommen. Diese Regierung hätte ja das alles auszubaden, was ihre Vorgängerin angerichtet hat. Wem danach wäre, der müßte wohl leicht spinnen.

Das große Ziel in Bonn ist die Opposition! Und alle Gespräche, die sich angeblich darum drehen, wer in die Regierung darf, drehen sich eigentlich darum, wer in die Regierung muß – und wer in die Opposition gehen darf.

Dabei spielen die Parteien natürlich mit verdeckten Karten und tun so, als wollten sie die Regierung übernehmen, als dränge es sie an die Macht – das gehört zum Spiel. Ihre wahren Absichten sind aber ceutlich erkennbar – etwa daran, daß die CDU/CSU Kiesinger zum Kanzler-Kandidaten machte, obwohl (nein: weil) ihr klar war, daß das ihre Chancen einer Regierungsbildung untergraben würde. Und daß Kiesinger gar nicht Kanzler werden wollte, wurde deutlich, als er sofort und ungefragt F. J. Strauß in ein Kabinett aufnahm, das noch gar nicht existierte.

Auch die anderen Parteien geben sich die größte Mühe, ihren möglichen Koalitionspartnern Forderungen zu stellen, die einfach unerfüllbar sind – alles nur, um nicht in die Regierung zu müssen.

Weil die Gefahr groß ist, dennoch in die Regierung abgedrängt zu werden, womöglich durch einen dummen Zufall oder einen lapsus linguae, ist auch das Mißtrauen begreiflich, das zwischen den Parteien herrscht. Jeden Augenblick kann es passieren, daß sich, sagen wir, die FDP und die SPD zu einer Kleinen Opposition verbünden, was der CDU/CSU natürlich sein unangenehm wäre. Oder es setzen sich bei der SPD und der CDU die Anhänger einer Großen Opposition durch und zwingen dadurch die FDP – nach der Devise: Strafe muß sein! – allein in die Regierungsverantwortung. Und schließlich könnte sich auch die alte Koalition in eine neue Opposition verwandeln – dann müßte also die SPD in den sauren Apfel beißen.