Weiße Häuser für schwarzes Geld

Von Wolfgang Boller

Ein Dorf hat Premiere, Die Berge von Teneriffa stehen am Horizont wie eine nachtdunkle Kulisse. Zum erstenmal soll der bleiche Hauptdarsteller, von Mondlicht geschminkt, die eingehämmerte Rolle spielen, soll auf Handgriff und Knopfdruck Licht und Wasser zaubern, soll Komfort und Behaglichkeit wie einen Monolog zelebrieren und nicht stocken, sich verhaspeln, zum Souffleur schielen.

An diesem Nachmittag hatte der Vizepräsident des Provinzialrats von Teneriffa das Band vor dem letzten Stück guter Asphaltstraße zerschnitten und hatte, illuminiert von Wohlwollen und großen Erwartungen, eine sehr schöne langweilige Rede gehalten. Man sollte das Dorf nach seinem Schreibtischheiligen benennen ("San Tomas"). Denn er ersann ja auch schon den Namen für das wilde, felsige Ufer; Costa del Silencio; zu deutsch: Küste des Schweigens. Vielleicht ist den Bananenbauern und Fischern früher ja wirklich das Pfeifsignal auf den Lippen erstorben, wenn sie sich in ihrer Einsamkeit fürchteten. Doch heute...

An diesem Nachmittag wurden die Inventarlisten der Bungalows kontrolliert, die Betten glattgestrichen, die Kühlschränke eingeschaltet. Im Restaurant "Zum Wal" probten die Kellner ihren Auftritt mit leeren Tellern und Tabletts. Das war das Spiel vor dem Spiel, ein bißchen Brimborium für das Debüt eines namenlosen weißen Dorfes, das mit einem Schlage funktionieren sollte. Denn das Premierendort im Süden der seligen Insel ist ein künstliches Gebilde, eine Siedlung für Ferienfreuden. Die Hausbesitzer werden hier immer nur als Gäste bei sich selbst einkehren. Die Dorfbewohner werden auf den Routen der großen Charterflugzeuge immer nur Zugvögel sein, die im ewigen Sommer braun, aber nicht heimisch werden wollen.

Für derlei gibt’s an den kostbaren Küsten Europas Beispiele genug. Die Regisseure solcher luxuriösen Revuen aus Wagemut und Beton heißen ihre Werke Urbanisationen. In der späten Phase einer scheinbar sinnlosen Kolonisation unterscheiden sie sich von Pionieren und Gründervätern nur durch ihr blindes Vertrauen in die Zukunft. Der schwere Anfang, der aber leichter ist als jede weitere Etappe des Unterfangens, wird jedenfalls durch einen Anflug napoleonischer Vermessenheit geadelt. Da stehen die Urbanisatoren auf nackten Klippen über brüllendem Meer und schauen mutiger drein als ihnen ums Herz ist. Aber das Projekt ist ja nun einmal durchkalkuliert, und so sprechen sie’s denn aus: "Hier sollen Häuser stehen

Das war auch der Anfang des Feriendorfs an der Küste des Schweigens. Zuerst stand einer allein auf den schartigen Lavafelsen, ein Juwelier aus dem belgischen Löwen, und träumte vom Paradies in der Wildnis, und wenn man in die grandiose Einöde aus Felsen und Feigenkakteen schaut und auf das bitter arme einheimische Dorf Las Galletas, dünkt einen das Vorhaben so utopisch wie eine Urbanisation auf dem Mond. Und doch sind seither erst zwei Jahre vergangen.