Von Alexander Rost

Paul Carell: Verbrannte Erde. Schlacht zwischen Wolga und Weichsel. Verlag Ullstein, Berlin, 512 Seiten, 81 Photos, 49 Kartenskizzen, eine eingelegte Übersichtskarte. 28,– DM.

Brücken zerbarsten. Gleise zerrissen. Mit den Eisenbahnstrecken, sämtlichen Linien vom Dnjepr bis zurück westlich Minsk, wurden auch alle Telephonleitungen zerstört. Jene Nacht zum 20. Juni 1944 war die längste Nacht der Partisanen. Zehneinhalbtausend Sprengungen ließen die Nachschuborganisation der deutschen Heeresgruppe Mitte zusammenbrechen. Als achtundvierzig Stunden darauf, die Rote Armee den weitgespannten Frontbogen mit 2,5 Millionen Mann, sechsfach überlegen, angriff, war das der Anfang vom Ende des Krieges in Rußland, – ein Cannae.

Als die russische Zange sich an der Beresina geschlossen hatte, waren 28 von 38 deutschen Divisionen in diesem Frontbereich zerschlagen, fast 400 000 Mann gefallen, verwundet, vermißt, von 47 Generalen 31 tot oder gefangen. Wenige Tage später rollten die russischen Panzerspitzen auf die Grenze Ostpreußens zu ...

Wie es dazu kam, was in Rußland wahrhaft und wirklich geschah, ist in seinem kaum zu fassenden Umfang, in der verwirrenden Vielfalt und der erdrückenden Schwere den meisten Deutschen nie bewußt geworden. Wer mitten in der Katastrophe steckte, vermochte nicht, sie zu begreifen. Wer das Glück hatte, an ihrem Rand zu stehen, konnte sie nicht überblicken. Der Schleier aus Geheimhaltung und Gerücht versperrte die Sicht auf die Ereignisse in ihrem Zusammenhang. Und kein Vierteljahrhundert danach hat das deutsche Volk vom Verlauf des Krieges in Rußland nur noch eine schemenhafte oder gar keine Vorstellung. Allein diese Tatsache schon rechtfertigt die Bücher Paul Carells.

Sein neues Buch heißt "Verbrannte Erde". Dokumenten in seinem Anhang kann man entnehmen, was das bedeutete. Abschrift aus einem Fernschreiben des Oberkommandos des Heeres an die Heeresgruppe Mitte: "... jede Ortschaft muß ohne Rücksicht auf die Bevölkerung niedergebrannt werden." Auszug einer Anordnung des Wirtschaftsführungsstabes Ost: "Die Produktionsgrundlagen der Landwirtschaft sind zu vernichten..."

"Krieg ist Grausamkeit und läßt sich nicht verfeinern", fuhr General Sherman den Bürgermeister von Atlanta an, als die Stadt gebrandschatzt wurde. Shermans Oberbefehlshaber, General Grant, praktizierte die Taktik der "Verbrannten Erde" im amerikanischen Sezessionskrieg (der vor allem deshalb der erste "moderne" Krieg genannt wird). Paul Carell, der sich keine. Abschweifung erlaubt, wirft einmal in ein paar Dutzend Zeilen einen Blick in die Geschichte: niemand weiß, woher das Wort stammt; aber "Verbrannte Erde" hat es zu allen Zeiten in vielen Kriegen gegeben. Nur: "Die Brände vom Dnjepr bedrücken unseren Tag am meisten; denn diese Asche ist noch heiß."