Reyner Banham ist ein bekannter englischer Architekturtheoretiker. Er ist Mitherausgeber der Architectural Review und hält Vorlesungen in London und New York. Vor zwei Jahren erschien bei Rowohlt seine 1960 geschriebene "Revolution in der Architektur", eine intelligente, sorgfältig erarbeitete Geschichte der modernen Architektur bis 1930. Er hat einen Ruf zu verlieren. Sein neuestes Buch –

Reyner Banham: "Brutalismus in der Architektur"; Dokumente der modernen Architektur 5, Karl Krämer Verlag, Stuttgart; 196 S., 303 Abb., 68,– DM

– das, wie aus dem Vorwort hervorgeht, zugleich in England erscheint, enttäuscht und fasziniert zugleich. Es lohnt sich, es zu lesen, es lohnt sich noch mehr, es mit Mißtrauen zu lesen.

1955 hatte Banham sich "wie architecture autre" ausgedacht. Das sollte eine Architektur sein – es gab und gibt sie nicht –, "deren Vehemenz die Normen architektonischen Ausdrucks so stark überschritt wie die Gemälde Dubuffets die Normen der bildenden Kunst; Architektur, deren Ordnungsbegriffe von denen der ‚architektonischen Komposition‘ so weit entfernt waren wie diejenigen Pollocks von den Regeln der malerischen Komposition; eine Architektur, so ungehemmt in ihrer Reaktion auf die Natur der Baustoffe ‚as found‘ wie die Komposition der ‚musique concrète‘ in ihrer Reaktion auf die natürlichen Klänge ‚as recorded‘".

Nun schreibt Banham, dieser Begriff sei von Udo Kultermann 1958 entwertet worden, so daß er ihn "im Sinne des Brutalismus" wiederherstellen müsse. Dieser Abschnitt schließt jedoch mit der Bemerkung, daß alle Architekten, "die als Brutalisten bezeichnet werden konnten", zu keiner Zeit seine "architecture autre" zum Ziel hatten – was ihn sehr eintauscht habe, als er es merkte,

Ich halte diese Stelle aus mehreren Gründen für symptomatisch. Sie zeigt, daß Banham Stilrichtungen erfindet und propagiert, die nur in seiner Phantasie existieren. Das ist nicht verboten, jedoch gehen solche Stile mangels Masse nicht in die Baugeschichte ein. Darum erfindet er Architekten als Parteigänger gleich dazu. Wenn er feststellt, daß sie von der wahren Richtung abweichen, kann er damit den Eindruck besonderer Objektivität hervorrufen. Der einzig wahre Brutalist im Sinne des Brutalismus ist Banham allein. Schließlich ist es auch bezeichnend, daß das Ende des Abschnitts seinen Anfang dementiert. An Widersprüchen ist dieses Buch nicht arm, nur sind sie manchmal geschickter verteilt.

Banham will etwas verkaufen, was es nicht gibt, was es jedenfalls so nicht gibt, wie er es darstellen möchte: The New Brutalism. Beim Lesen verläßt mich das Gefühl nicht, daß er selbst am besten weiß, wie windig seine Ware ist.