Von W. E. Süskind

Wenn sich ein Außenseiter von der alten Generation in den literarischen Kugelwechsel zwischen Reich-Ranicki und Enzensberger einmischen darf, so möchte er im voraus beteuern, daß er den Enzensberger gern hat, auch wo er den Präzeptor spielt. Ich vergesse ihm nicht die gescheite und frei nach Poe desillusionierende Interpretation eines eigenen Gedichts, die er an der Münchner Universität einem jugendlichen, an solcher Desillusionierung gar nicht interessierten Auditorium vortrug; und ich vergesse ihm noch weniger seine tief musische Einführung in Brentano, in Jürgen Petersens schönem Sammelband "Triffst du nur das Zauberwort" (Propyläen-Verlag 1961). Aber den Schiller habe ich noch lieber, und das Lied von der Glocke erst recht, und wenn einer dummes Zeug sagt, muß man es ihm zu verstehen geben, gerade wenn man ihn gern hat.

Dummes Zeug ist natürlich hart und bewußt subjektiv: Es kommt aus verletzter Liebe. Ort ihe face of it, wie die Engländer sagen, ist Enzensbergers Beweisführung (in Nr. 44 der ZEIT) sogar alles andere als dumm; sie ist von wahrhaft präzeptoraler Bildungsglätte.

Aber gerade diese präzeptorale Wohlgerüstetheit ist es eben, die mich an Enzensbergers Darlegung verdrießt, denn ich kann nicht einsehen, daß der Herr Präzeptor mit seinen Tadelstrichen 1. die von Reich-Ranicki bemängelten Auslassungen in seiner Schiller-Edition begründet, 2. den kritischen Respekt vor einem "großen Autor", wie er selber sagt, gewahrt und 3. eine förderliche Analyse des Lieds von der Glocke geliefert hätte.

Der dritte Vorwurf ist der stärkste; er schließt die beiden anderen in sich. Ich weiß nicht, ob die Auseinanderfaltung in zwei "Strophenstränge" – das Wort hat mir sehr gefallen –, einen von zehn, den anderen von zwanzig Strophen, ich hab’s nicht nachgezählt, ob diese Auseinanderfaltung und Terminologie Enzensbergers eigenes Gewächs sind. Als solches, hortikulturell sozusagen, prima!

Aber wie beweist der fleißige Hortikultor, daß zwischen den beiden Strängen "ein extremes Niveaugefälle" bestehe? daß der kommentierende Strang ein "Debakel" bedeute? daß von einem "Versagen" des Dichters zu sprechen sei, der sich mit den zehn Strophen des Glockengießerliedes hätte begnügen sollen, statt dessen technologische Vollendung und gleichzeitig dichterische Autorität durch den moralisierenden Kommentarstrang ins Unseriöse zu ziehen?

Enzensberger bietet viele Worte auf; sachlich gehen aber seine Einwände über den maliziösen Sechszeiler nicht hinaus, den man der Madame Luzifer, der Karoline Schlegel zuschreibt und der lautet: