Von Gottfried Sello

Nun hat auch Max Ernst sein publizistisches Denkmal bekommen, in der für Maler obligaten Form der Monographie, einer durchaus und in jeder Hinsicht vorzüglichen Monographie, die Leben und Werk umfassend und sorgsam dokumentiert, die buchtechnische Wünsche vollkommen befriedigt – ein Buch, auf das der Maler selbst und seine Bewunderer längst gewartet haben und das sie jetzt, wo es endlich erschienen ist, mit einer gewissen Betroffenheit in die Hand nehmen.

Keine Rede kann davon sein, daß der Maler einer Monographie oder irgendeiner anderen Auszeichnung nicht würdig wäre. Wer diesen Sommer in Venedig war, wird sich erinnern: jenseits San Marco in den öffentlichen Gärten die Biennale, Künstler aus achtunddreißig Nationen – diesseits, im Palazzo Grassi, ein einziger, Max Ernst. Selbst vor zwölf Jahren, als er auf der Biennale, damals völlig unerwartet, den Großen Preis der Malerei erhielt, war sein Triumph nicht größer.

Das Problem liegt in dem Anspruch einer Monographie, einen Klassiker zu inthronisieren. Ihre literarische Parallele findet die Monographie in der Gesamtausgabe der Werke eines Schriftstellers – man stelle sich vor, Günter Grass würde zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag mit einer solchen geehrt und wir oder unsere Enkel hätten das Vergnügen, die "Blechtrommel" in Halbleder und Goldschnitt zu genießen. Es kann gar nicht ausbleiben, daß der "Schnabelmax", wenn man ihn monographisch zu fassen versucht, Federn läßt.

Und Max Ernst selber ist sich der Schwierigkeiten bewußt, die sich seiner akribisch wissenschaftlichen systematischen Erfassung entgegenstellen, er hat sie sogar selber formuliert, allen seinen Interpreten, auch künftigen zum Ton, die er auf die charmanteste Weise auf den Arm nimmt.

Ich zitiere aus einem imaginären Gespräch, das er 1959 verfaßt und dem er den Titel "Die Nacktheit der Frau ist weiser als die Lehre des Philosophen" (des Philosophen Kant notabene, die Frage des Gesprächspartners F. lautet: "Was halten Sie von Kant?") gegeben hat.

F.: Was bezweckten Sie, als Sie den Cham de la Grenouille (Froschgesang) malten?