Zerstören heißt: das Wahre herausschälen. Ohne Zerstörung gibt es keinen Aufbau." Mit diesen Sätzen hatte Radio Peking in einer Sendung für die Sowjetunion das Credo der revolutionären Dialektik Chinas zusammengefaßt – am Vorabend des Moskauer Revolutionsfeiertags. Das albanische Parteiorgan "Zeri i Popullit" hatte am nächsten Tag seinen Gedenkartikel zum sowjetischen Staatsfeiertag mit den Worten geschlossen: "Es ist Zeit einen endgültigen Trennungsstrich zum modernen Revisionismus zu ziehen und die sowjetische Führungsgruppe vom Volk zu isolieren. Nicht die Versöhnung ist heute aktuell, sondern der endgültige Bruch mit den Revisionisten ..."

Damit war eine schwache Hoffnung begraben, die den bulgarischen Parteichef Schiwkoff immerhin bewogen hatte, den Kongreß seiner Partei, der auf den 8. November festgelegt war, um eine Woche zu verschieben. Im Einvernehmen mit dem sowjetischen Parteichef Breschnew hatte Schiwkoff abwarten wollen, ob die Moskauer Revolutionsfeiern den Chinesen vielleicht irgendein Zeichen von Kompromißbereitschaft im Geiste des "proletarischen Internationalismus" entlocken könnten. Doch das Echo aus Peking und Tirana bestärkte Schiwkoff in seiner Absicht, auf dem Kongreß seiner Partei einen Versuchsballon aufsteigen zu lassen: Er erhob die seit einiger Zeit verstummte Forderung nach einer neuen Konferenz aller kommunistischen Parteien – einer Konferenz, die heute kaum anders enden könnte als mit einem feierlichen und endgültigen Bannstrahl gegen Mao Tse-tung und seine Gefolgschaft.

Gerade solche Verdammung möchten aber die meisten Verbündeten der Sowjetunion verhindern, weil sie – wenn schon die Einheit nicht zu reparieren ist – vom schwelenden Konflikt wenigstens Vorteile für ihre eigene Selbständigkeit herausschlagen möchten. Der Test Schiwkoffs in Sofia erwies daher ganz deutlich, daß die Lust zu solchem Konzil gegen die "Ketzer" nicht größer geworden ist.

Breschnew warb taktisch-vorsichtig mit der Bemerkung, daß die Bedingungen zu einer Solschen Konferenz "immer mehr heranreifen", während Schiwkoff von "herangereiften" Voraussetzungen ausging. Nur die tschechoslowakische Delegation stimmte dem Bulgaren zu. Polen, Jugoslawen, Kubaner und – aus anderen Gründen – natürlich auch Nordvietnamesen und Nordkoreaner straften den Vorschlag mit Mißachtung.

Hermann Matern von der SED meinte ausweichend, es sei die "Zeit für praktische Schritte gekommen". Auch der Rumäne Ceausescu, der als einziger Parteichef außer Breschnew in Sofia auftrat, verlor kein direktes Wort über den Vorschlag, verwarf ihn jedoch durch die unmißverständliche Mahnung: "Unter den heutigen Bedingungen gilt es, nichts zu unternehmen, was die Meinungsverschiedenheiten vertieft und die Gefahr der Spaltung verschärft..."

Was aber hatte Todor Schiwkoff bewogen, sich zum Sprecher einer so wenig aussichtsreichen Sache zu machen? Er mußte die Reaktion voraussehen – und wahrscheinlich bedauerte er sie nicht einmal. Ihm lag vor allem daran, den sowjetischen Freunden einen demonstrativen Gefallen zu erweisen, ihnen zu zeigen, daß Bulgarien zuverlässig wie je an ihrer Seite steht, trotz mancher eigenwilligen Züge, die Sofias Politik in letzter Zeit angenommen hat.

Bulgarien, das kommunistische "Musterländle" auf dem Balkan, hat sich in den letzten Jahren immer mehr von seiner außenpolitischen Isolierung und innenpolitischen Erstarrung gelöst, ohne die traditionell enge, durch keine Komplexe getrübte Bindung an Moskau zu lockern. Die Zahl von 580 000 westlichen Touristen im Jahre 1965 (drei Jahre vorher waren es nur 86 000) ist mehr als eine Begleiterscheinung. Mit dem Touristenstrom, der den Bulgaren 1965 allein 40 Millionen Dollar und manche Neuigkeiten ins Land brachte, wuchs auch die Notwendigkeit, das Verhältnis zur Umwelt politisch zu entkrampfen. Paradebeispiel war das Verhältnis zu Griechenland. Mit zwölf Abkommen wurde es 1964 neu begründet; wie sehr den Bulgaren daran liegt, zeigte sich vor kurzem, als sie darauf verzichteten, die Ausweisung ihres Militärattachés aus Athen mit gleicher Münze heimzuzahlen.