Von Hilke Schlaeger

Einer Gruppe Basler Volksschullehrer, die in einer vierten Klasse unterrichten, wurde die Frage vorgelegt: Gibt es so etwas wie einen Gymnasiasten-Typ?

Die Antworten sind erstaunlich: "... es ist der stille ernste Schaffer. Er arbeitet minuziös, schreibt eine Aufgabe lieber dreimal, damit kein Tintenflecken drauf ist. Er ist der Typ des Intellektuellen "sieht auch hinter und um die Aufgabe herum; er liest viel, ohne daß man ihn darauf stupfen muß. Gewisse Empfindung für Kunst, wenn man ihm zum Beispiel Köpfe von Griechen und Römern zeigt, werden die Gymnasiasten beinahe ergriffen"; "es muß ein gewisser Funke da sein... Freude am sprachlichen Ausfeilen, nach passenden Worten suchen

Diesen kleinen, für die höhere Schule bestimmten Streber wollen die meisten der Befragten schon in der ersten Klasse erkannt haben: "Es gibt einfach so Typen, es ist gar nicht richtig beschreibbar. Wenn man sie ansieht, haben sie einen gewissen Geist hinter den Augen, so das ganze Fluidum."

Leistungskriterien gehören offenbar nur vereinzelt und ganz am Rande zur Beschreibung des typischen Gymnasiasten.

Die Verteilung der Schüler an Gymnasien und Mittelschulen und der Studenten an Hochschulen auf die Sozialschichten weicht ganz erheblich von der tatsächlichen Bevölkerungsstruktur ab. Die Arbeiterschaft, in den modernen Industrieländern etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung, ist in den Einrichtungen der höheren Bildung, wenn auch in unterschiedlichem Maß, unterrepräsentiert. Zwar ist die Ausgangsbasis aller Kinder die gleiche: die bis zur vierten Klasse gemeinsam besuchte Grundschule. Je mehr aber die Bildungswege sich der Universität nähern, desto mehr verkleinert sich der Anteil der Arbeiterkinder. In England gehören rund 25 Prozent der Studenten zur Grundschicht, in Frankreich immerhin noch 10 Prozent. In Deutschland und in der Schweiz aber liegt ihr Anteil bei etwa 5,5 bis 6 Prozent.

Aus diesen Zahlen läßt sich ablesen, daß hier irgendwo im Ausbildungssystem Schranken eingebaut sind, welche einen Selektionsprozeß zur Folge haben, der nicht alle Bevölkerungsschichten gleichmäßig trifft; und daß es in den vernachlässigten Schichten unausgeschöpfte Reserven gibt. Drei Schweizer Autoren haben in den Jahren 1961 bis 1964 in Basel diesen Ausleseprozeß untersucht –