Von Eka von Merveldt

Das Haus der Reise in Hannover vibriert von Aktivität. Gleich am Eingang tickt und rattert emsig ein Elektronengehirn – auf Abruf. "Wir sind im Augenblick hier etwas beengt", sagt der Portier und komplimentiert den Besucher in einen Winkel. Der neue Computer, Typ IBM 360, ist oben im sechsten Stock, schon montiert. Es ist schon die dritte Generation der Roboter. Außer Flugscheinen und Fahrkarten für die Bundesbahn werden in Zukunft auch internationale Fahrausweise mit Hilfe des neuen Rechenzentrums hergestellt. Im ersten Stock regiert der Leiter des Unternehmens hinter Doppeltüren, doch liegt sein Zimmer an einer lebhaften Straße; Autos und Straßenbahn scheinen durch den Raum hindurchzufahren. Aber die vollgeordnete Leere des großen Zimmers, die dunkle Holztäfelung, die einfachen, gediegenen Möbel und die fülligen schwarzen Ledersessel suggerieren dennoch Ruhe und Klarheit einer Zentrale der Entscheidungen. Der Schreibtisch ist leergefegt, wie man es sich bei einem Manager vorstellt. Kein Telephon, kein Eindringling unterbricht das lange Gespräch. Ist der Schreibtisch immer so leer? Ja. Das Geheimnis seiner Leere ist: Es kommt nichts herauf. Nur wenig Papier, Briefe werden hier selten geschrieben. Durch Telephon und Gespräche wird regiert.

Der Name des Unternehmers "Scharnow-Reisen" prangt an Sonderzügen und ist in Ferienorten bis Ostafrika und Teneriffa geläufig. Der Name des Mannes, der dieses Haus der Reise heute führt, ist kaum bekannt außerhalb der Branche. Er fiel auch nicht in den jüngsten Meldungen über die kommende Verflechtung der beiden größten deutschen Reiseveranstalter, Touropa und Scharnow, die sich mit 20 Prozent des Kapitals gegenseitig beteiligen, während man, wie das heute üblich ist, die vorhandene Substanz formal noch selbständig erhält. Hanns Albrecht Seiffert ist der Geschäftsführer des Unternehmens Scharnow. Er war von Anfang an dabei, noch ehe sich 1954 Touristikfirmen zu dem Unternehmen zusammenschlössen, dem Wilhelm Scharnow als Hauptgesellschafter seinen Namen gab.

Der Generation der Pioniere des Reisegewerbes, das sich zu einer Industrie ausgewachsen hat, sind die Manager gefolgt. Die Pioniere begannen zumeist als Außenseiter, wie ihr Vorbild Cook, der als Weltverbesserer und Kämpfer gegen den Alkohol seine Karriere begann. Als Pädagogen, Philantropen und Erfinder des Unterhaltungstourismus, wie Dr. Degener von der Touropa abgestempelt wurde, eröffneten sie das Reisegeschäft. Auch Hanns Albrecht Seiffert war fremd in der Branche, er war auch fremd in Westdeutschland. Er wurde 1908 in Kattowitz in Schlesien geboren. Mit 40 Jahren, nach fünfeinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft fing er im Jahre 1952 einen neuen Beruf an. Aber er war gelernter Kaufmann (der Textilbranche), nach einer kurzen Periode als Landwirt, wie es die Familientraditon wollte.

Gegenüber den Pionieren, die es verstanden, die Träume der Menschen richtig zu deuten und den Nutzen daraus zu ziehen und sichtbaren Erfolg im kräftigen Wachsen des Unternehmens ernteten, müssen die heutigen Leiter der großen Unternehmen mit Mut und kühlem Kopf, rechnerischem Verstand und sicherem Urteilsvermögen die Entwicklung deuten und mit einem Blick für das Wesentliche Entscheidungen treffen, die das Erreichte nicht verspielen, sondern mehren. Die Erfolgskurve ist nicht mehr so steil.

Hanns Albrecht Seiffert, der sich lieber im Hintergrund hält und Porträts nicht einmal gern liest, gewiß nicht das eigene, wird lebhaft, sobald nicht von ihm, sondern vom Unternehmen Scharnow die Rede ist. Er spricht mit leiser Stimme, im liebenswürdigen Plauderton, wählerisch nach Worten suchend, auch mit Geduld und Wärme, die genauso zu der Skala seines Erfolges gehören wie die "elegante Härte", wesentliches Moment eines Managers und Verkäufers.

Scharnow wird am Ende dieses Jahres fast 400 000 Reisen verkauft und 145 Millionen Mark umgesetzt haben, Touropa 430 000 und 185 Millionen, zusammen werden das mehr als 800 000 Reisen und 330 Millionen Mark sein und damit 60 Prozent der im regelmäßigen Turnus veranstalteten Pauschalreisen. Gleich dahinter folgen als drittgrößtes Turnusreiseunternehmen Hummel mit 200 000 und die Versandhäuser Neckermann und Quelle zusammen mit 220 000 verkauften Reisen.