Von Urte v. Kortzlleisch

Georges-Roux: Der Mann des Schicksals. Aus dem Französischen von Jean Komaromi. Verlag Fritz Moden, Wien. 446 Seiten, 26,50 DM.

Die Meinungen gehen darüber auseinander, ob Mussolini als tragische oder als verächtliche Figur in die Weltgeschichte eingehen soll. Der Engländer Sir Ivone Kirkpatrick verachtet ihn rundheraus (vergleiche DIE ZEIT Nr. 25, S. 25); Georges-Roux, ein französischer Zeitgenosse, der Mussolini persönlich gekannt hat, versucht ihm gerecht zu werden und sieht ihn tragisch. Mussolinis Schicksal scheint ihm vor allem ein psychologisches Problem zu sein; als Ursache der immensen Fehler und Irrtümer nennt er die allmähliche "Deformierung" des Charakters durch zu lange und zu ausschließlich ausgeübte Macht.

Entgegen dem Motto seines Buches "Die Geschichte ist die Geschichte der großen Männer" (Carlyle) hatte laut Georges-Roux Italien im Chaos der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg ein geradezu "animalisches Bedürfnis" nach einem Anführer, um dem Kommunismus zu entgehen. "Die Ereignisse hatten einen Mann gemacht" – aus einem kleinen Agitator ärmlicher Herkunft, einem Vagabunden und "Chef obskurer Banden", Der von Georges Sorel und Machiavelli beseelte Dorfschullehrer und Journalist betrat mit neunundzwanzig Jahren die politische Arena und setzte sich, "von kalter Wut besessen", für die kleinen Leute ein, zu denen er selbst gehörte. Vehement und verbissen organisierte er seine Tatgemeinschaft, ohne eine politische Theorie zu entwickeln. Mussolini war weder dumm noch unwissend, wie Kirkpatrick ihm vorwirft, doch war er tief unkultiviert. Im westlichen Ausland ist er nie salonfähig geworden – einer der Gründe, die ihn zu Hitler trieben.

Sein Regime gab sich zunächst liberal und wäre es ohne die tragische Ermordung des Sozialisten Matteotti (1924), die Mussolini fast das Amt kostete, sicher lange geblieben. Durch diese Krise mißtrauisch geworden, schaltete Mussolini die Opposition aus und trat selbstsicherer auf als zuvor. Er schuf sich innenpolitische Feinde und tat damit den ersten Schritt auf sein Ende zu.

In der Außenpolitik zeigte Mussolini zunächst mehr Weitblick und Urteilsfähigkeit als England und Frankreich. Er allein reagierte angemessen auf den Mord an Dollfuß, indem er vier Divisionen an die Brennergrenze entsandte, und Mussolini war es, der die Stresafront als Antwort auf die Wiederbewaffnung Deutschlands zusammenbrachte. Mit dem Feldzug in Abessinien machte er freilich sein mühsam aufgebautes internationales Prestige wieder zunichte. Die Sanktionen seiner Verbündeten kränkten ihn schwer; andererseits verführte ihn der Erfolg dieses Abenteuers zu weiterer Selbstüberschätzung und Maßlosigkeit.

Damit begannen nach Georges-Roux der tragische Niedergang und Verfall der Persönlichkeit Mussolinis; er gab dem Werben Hitlers schließlich nach und geriet damit unwiderruflich in den Sog dieses Menschen, der ihn nie wieder loslassen sollte. Mussolini lebte von nun an in einer "Atmosphäre des Wahns" und verschloß sich allen Argumenten. Angst und Ekel, abergläubische Bewunderung und widerstrebende Treue bestimmten sein Verhältnis zu Hitler.