Von Helmut M. Braem

Provinzialismus – wer mag sich schon auf diese Leimrute setzen? Böll hat es versucht, hat in seinen Frankfurter Vorlesungen den Begriff zu definieren gewünscht, als er erklärte: "Die provinzlerische Angst der Deutschen vor Provinzialität verhindert das vertraute Verhältnis zur Umwelt..." Aber nach wie vor erweckt das Wort üble Erinnerungen.

Der literaturkundige Mann in Boston, Denver, New Orleans oder New York kann unseren Unwillen nicht verstehen. Er sieht sein Land, als wären es versammelte Provinzen, rund hundert Jahre lang von Schriftstellern beschrieben, für die Sprache, die Literatur – wie viele wörtlich sagten – "erobert". Was jedoch bis Pearl Harbour Manier war und nach dem Kriege in Korea kurze Zeit zur Manie wurde, als Jack Kerouac im schrottreifen Viersitzer den Kontinent durchraste, gehört bereits zur Geschichte. Nur wenige junge Autoren Amerikas wollen noch einmal wie Sherwood Anderson die kleinen Städte des mittleren Westens entdecken, noch einmal wie Steinbock oder vor ihm Bret Harte Kalifornien literarisch roden, noch einmal wie Hemingway in den Wäldern am Ontario-See mit Indianerkindern Eichhörnchen jagen, noch einmal wie Faulkner im Mississippi-Delta Alligatoren schießen, noch einmal wie Thomas Wolfe Bronx, Brooklyn und Manhattan mit Wortmillionen für die Literatur erwerben.

John Updike, der große Benjamin der amerikanischen Nachkriegsliteratur, lallt nicht, jubelt nicht, singt nicht mit seinen Geistesvätern "Amerika, Amerika!". Er spricht von Santayana, zitiert in Pennsylvania Pascal und im New Yorker Bus Proust, gewinnt seine Metaphern beim Erinnern an die Kunst Dürers und Leonardo da Vincis, wühlt sich durchs Dickicht des altväterlichen Puritanismus und begegnet Hegel, erzählt von einer Frau, die in ihrer Wohnung am Riverside Drive mit dem Abendbrotgeschirr klappert, und ist mit seinen Gedanken in Kopenhagen am Schreibtisch von Kierkegaard.

Nicht der schiere Umfang von Updikes Wissen ist mehr als erwähnenswert, sondern daß er dieses Wissen in den Teppich der Erzählung knüpft. Las ist eine Haltung, die im Halbjahrhundert der Moderne vordem für unfein galt. Der zunehmende Einfluß außeramerikanischen Geistes hat de Amerikaner verstört, als die Beatniks Bausteine vom Weltgebäude des Zen-Buddhismus und der Indianer Mittelamerikas nahmen; hat sie abermals verstört, als Jerome D. Salinger Maximen der Philosophie des Tau in den Dialog amerikanischer Familien schleuste, als Saul Bellow kundig Nietzsche nach Chikago brachte, als Jahn Updike die amerikanische Szene mit Büsten etlicher Europäer bereicherte und es mit jenem urbanen Witz tat, der in der Redaktion des New Yorker, wo er von 1955 bis 1957 mehr Wunderkind als Lehrling war, ebenso liebevoll wie selbstgefällig gepflegt wird.

Updike, Autor der Romane "Das Fest am Abend" und "Hasenherz" sowie "Der Zentaur" und eines vierten, noch nicht ins Deutsche übersetzten Werkes ("Of the Farm"), hat außerdem eben Band mit Gedichten und zwei Sammlungen mit Erzählungen veröffentlicht, die aus den Jahren 1959 und 1962 stammen, die Titel "The Same Door" und "Pigeon Feathers" tragen, und um liegt erstmals eine Kollektion kleiner Prosa in unserer Sprache vor –

John Updike: "Glücklicher war ich nie", aus dem Amerikanischen von Maria Carlsson; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 348 S., 22,– DM.