Von Dieter E. Zimmer

Das Wort von der Berliner Literatur-Mafia macht die Runde, seit Robert Neumann, Hans Erich Nossack und Klaus Rainer Röhl in konkret ihre Aktion Saubere Hauptstadt in die Wege leiteten und, schadenfroh assistiert von der Rechtspresse, verlangten, daß der "zentrale Gang" der Berliner Schriftsteller, die "Al Capones", "Drahtzieher", "Manipulanten" und "Literaturschieber", die dort ihr Unwesen trieben und gegen die niemand aufzumucken wage, "abserviert" werden sollten. Hier bewegen wir uns im Parterre dieser Affäre: Nicht von ihrem Stil ist die Rede, nicht von der Literatur selbst, nicht von dem, was einst bleiben könnte vom Werk einzelner Berliner Autoren oder vom Werk der Polemiker – hier geht es allein um konkrets konkretere Vorwürfe gegen die "Korruption" und "Prostitution", die in Berlin, an der Tagesordnung sein sollen. In der vorigen Ausgabe war insbesondere von Walter Höllerers Literarischem Colloquium die Rede: davon, wie es mit Hilfe der Ford Foundation entstand, wie es in den drei Jahren seines Bestehens gearbeitet hat, wie seine Arbeit finanziert und wie sie kontrolliert wird. Es stellte sich heraus, daß es viel mehr ist als die Schreibschule für Literaturanfänger, als die es gemeinhin gilt, daß es nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, Berlin vor dem kulturellen Veröden zu bewahren, und daß der Vorwurf der Schiebung ebenso haltlos ist wie der Vorwurf, irgend jemand könnte sich am Colloquium bereichern. Und was ist dran an den übrigen Beschwerden?

"... läßt sich nur von Familienmitgliedern photographieren..."

Tatsächlich haben auf der letzten Tagung der Gruppe 47 in Princeton nur zwei photographiert: Frau Richter und Frau Höllerer. Aus Furcht, Schwärme von Berufsphotographen könnten die Sitzungen stören, hatte Hans Werner Richter sie völlig ausgesperrt; auch das Fernsehen drehte immer nur in Omnibussen ankommende und abfahrende Leute, niemals die Sitzungen selbst. Es war eine jener Gesten, die begreifliche Verbitterung schaffen – und nicht ohne Beziehung zum Hauptdilemma der Gruppe 47: Sie will ihre Publizität und die ihr damit zugewachsene Macht und Verantwortung am liebsten nicht wahrhaben, sie will Privatsache sein, sie möchte die Öffentlichkeit gerne loswerden und kann es nicht, denn der Prozeß ist nicht reversibel. Aber das hat mit Berlin, mit den "Berliner Spezis", dem angeblichen Gangstertum der Berliner Literaten wenig zu tun.

Doch ich höre es ja rufen: Korruption! Hat nicht Höllerer seine eigene Frau als Photographin am Literarischen Colloquium angestellt? Es ist wahr, die Photographin Renate von Mangoldt, Frau Höllerer also, ist Angestellte des Literarischen Colloquiums, zuständig für die photographische Dokumentation aller Veranstaltungen. Nur daß die Sache eine Nuance hat: Höllerer stellte nicht seine Frau an, sondern heiratete vor einem Jahr seine Angestellte, und die Qualität ihrer Bilder hat unter der Ehe offensichtlich nicht so gelitten, daß er ihr seitdem hätte kündigen müssen. Im übrigen sind alle Photographen, die solches wünschen, zu den öffentlichen Veranstaltungen des Literarischen Colloquiums zugelassen. Ein Monopol gibt es nicht.

"Dieser Richter etwa richtet sich’s mit der Stadt Berlin, sie richtet ihm in einem eigens für ‚kulturelle Zwecke‘ erworbenen Haus eine private Etage ein, in deren Gesellschaftsräumen gleich auch schon die für Richter richtigen Anschlüsse eingerichtet sind für die Fernseh- und Hörfunkteams, damit das Wort der dort Eingeladenen nicht etwa, Gott behüte, ungehört und unferngesehen verhalle."

Es handelt sich um das Haus Berlin 33, Erdener Straße 8, eine cremefarbene, ziemlich herrschaftliche Grunewaldvilla. Sie war das Berliner Domizil des Verlegers Samuel Fischer, sie befindet sich noch im Besitz der Familie Fischer, die indessen zur Zeit selber nichts mit ihr anzufangen weiß und sie an das Literarische Colloquium vermietete, das sie sich wiederum selbst noch nicht leisten kann und sie deshalb weitervermietete. Im unteren Geschoß wohnt, während sieben oder acht Monaten im Jahr, Hans Werner Richter; für drei kleinere Privatzimmer bezahlt er selber die Miete, drei größere Gesellschaftsräume mietete für ihn der Sender Freies Berlin, der auch die Einrichtung besorgte.