Von Arianna Giachi

Das Neueste, was der Kinderbuchmarkt gegenwärtig zu bieten hat, sind alte Kinderbücher. Damit sind nicht die eher raren Exemplare aus vergangener Zeit gemeint, die den Krieg auf den Dachböden, und in Kellern überdauerten und die jetzt hie und da im Antiquariat auftauchen. Gemeint sind vielmehr ihre faksimilierten Neuausgaben. Vorläufig sind sie noch nicht zahlreich. Erst wenige Verlage wagen sich an das neue Geschäft. Immerhin reichen die editorischen Versuche aus, um eine neue Tendenz anzukündigen. über das "Warum" kann man freilich nur Vermutungen wagen.

Denn für den Antiquitätenfimmel älterer Teenager und Twens sind die ursprünglichen Adressaten von Bilderbüchern – um sie handelt es sich nämlich zumeist – noch zu klein. Von einer guten alten Zeit machen sie sich noch keine Vorstellungen. Sie würden darum eine Petroleumlampe – oder ihre Nachahmung – nicht nur deshalb schön finden, weil sie jener Zeit wirklich oder scheinbar entstammt. Und kleine jungen genießen an den alten Modellen ihrer Spielzeugautos nicht den gleichen ironischen Reiz wie ihre Väter oder älteren Brüder an deren Originalen. Auch der Struwwelpeter verdankt ja seine Beliebtheit kaum den altmodischen Elementen seiner Darstellung. (Wie es allerdings zugeht, daß Kinder von heute Konrads Frau Mama in Bänderhaube und fußlangem, gebauschtem Kleid mit den ihnen vertrauten barhäuptigen Muttergestalten im Minirock identifizieren können, wäre eine andere Frage.)

Tatsächlich wendet sich ein Teil der Neuausgaben alter Bilderbücher auch gar nicht an ein kindliches Publikum. Zwar sind heute viele Eltern bereit, dem kindlichen Zerstörungstrieb recht beträchtliche Werte auszuliefern und so schon beizeiten den Grund zur wirtschaftlich erwünschten Konsumentenhaltung zu legen. Gleichwohl dürften die Snobs rar sein, die es gelassen hinnehmen, daß ihre Sprößlinge Bücher für sechzig bis fünfundachtzig Mark genußvoll auseinandernehmen und zerfetzen. In diesen Preisgegenden aber bewegen sich zum Beispiel die Faksimiledrucke von Glassbrenners "Sprechenden Tieren" (Carlsen Verlag, Reinbek; 44 S., 58,– DM) und von der "Kinderheimath", die Friedrich Güll und Franz Pocci 1845 zum erstenmal herausgegeben haben (Carlsen Verlag, Reinbek; 232 S., 85,– DM).

Dergleichen Bücher sind zweifellos als Sammelobjekte für Erwachsene gedacht. Ob ihre Preise im Vergleich zu denen der Originale nicht zu hoch sind, wird erst die Zukunft lehren. Sie wird auch Auskunft darüber geben, ob Kinderbuchsammler die propere Perfektion der Neuausgaben vorziehen oder ob sie mehr Wert auf Echtheit und Antiquität legen, und sei es um den Preis mehr oder minder großer Beschädigungen. Denn wenn die Kinder vergangener Zeiten im ganzen ihren Büchern auch mehr Schonung angedeihen ließen als die heutigen – wie anders hätten diese sonst ganze Generationen überleben können? – auf den Gedanken, Konturen mit dem Bleistift nachzuziehen oder weiße Flächen mit eigener Hand zu kolorieren, sind auch sie gekommen. Ja, ihre mit Holzschnitten und Kupfern sparsam illustrierten Bücher gaben zu solchen eigenen Unternehmungen sogar mehr Gelegenheit als die Farborgien des heute im Namen der Kunst und der Kindertümlichkeit Erscheinenden.

Daß Kinder ohnehin auf diese modernen Bilderbücher anders reagieren, als man von ihnen erwartete, beginnt sich allmählich herumzusprechen. Sie selbst hantieren zwar großzügig und voll Wonne mit Ölkreiden auf riesigen Bögen Packpapier. Von der älteren Generation sehen sie sich aber nur ungern imitiert. Während die Künstlerbilderbücher der letzten Jahre die Bücherborde erwachsener Enthusiasten füllen, beurteilen Kinder diese Produkte oft ziemlich ungnädig. Sie wünschen sich nicht nur mehr Deutlichkeit und mehr Realismus, sie wollen in ihren Büchern das sehen, was sie selbst nicht machen können.

Die Suche nach Illustrationen, die solchen kindlichen Ansprüchen genügen, ist heute schon wieder allenthalben spürbar. Sie mit den Forderungen des guten Geschmacks zu vereinen, ist dabei nicht immer leicht. Unter heutigen Illustratoren scheint diese Quadratur des Kreises den Kunstlern aus Osteuropa, wo man ja überhaupt einer nach westlicher Meinung altmodischeren Pädagogik anhängt, noch am ehesten zu gelingen. Mehr und mehr tauchen ihre Namen darum auch in den bundesdeutschen Verlagen auf. Wenn man sich aber überhaupt einmal von den psychologisch inspirierten Vorstellungen vom Wert der Kinderkunst und ihrer Spiegelung im Bilderbuch freigemacht hat, dann ist der Schritt zurück zu alten Illustrationen leicht getan. Johann Peter Lysers "Swinegel als Wettrenner" (Carlsen Verlag, Reinbek; 325 S., 7,50 DM) und Poccis "Gaukel-Linchcn" (Atlantis Verlag, Zürich; 22 S., 3,90 DM), beide zu erschwinglichen Preisen, sind hier ein guter Griff. Denn der Humor in der Darstellung der Swinegel-Familie, die Unheimlichkeit der kinderverschlingenden Lampenputzschere, ist heute so gut zu begreifen wie eh und je.