Manfred Hättich: Nationalbewußtsein und Staatsbewußtsein in der pluralistischen Gesellschaft. Verlag v. Hase und Koehler, Mainz. 126 Seiten, 8,80 DM.

Der Autor, Privatdozent an der Universität Freiburg, hat der politischen Bildung einen großen Dienst erwiesen. Er definiert die Nation, den Staat, die pluralistische Gesellschaft und setzt sie in Beziehung zur Demokratie und zur Wirklichkeit unserer Welt. Das Buch nimmt der Diskussion über diese Themen viel von ihrer Verschwommenheit und emotionalen Verkrampfung,

Hättich erinnert daran, daß das Vergangene dem Menschen nur insoweit Geschichte sei, als er von ihr wisse. An einem Beispiel macht er das klar: "Bei genauem Hinsehen stellt man fest, daß unsere Heldengedenkstätten zu einem großer Teil entpolitisiert sind, und das sind sogar die besseren. Im stillen Einverständnis, daß die Väter und Söhne und Brüder, aber auch die Mütter, Töchter und Schwestern hilflose Opfer einer verbrecherischen Politik geworden sind, machen wir ihrem subjektiven guten Glauben, ihrer tatsächlichen Leistung und ihrem wahrhaften Leiden unsere Reverenz. Aber das gehört eigentlich nicht auf die öffentlichen Plätze, sondern in die Familien. Und es gehört vor allem nicht in den nationalen Stolz, sondern in die nationale Trauer – einer Trauer, der ehrlicherweise kein Trost zuwachsen, kann. Auf die öffentlichen Plätze gehört die ungeschminkte Wahrheit, daß es in diesem Dritten Reich außer dem Widerstand nichts gab, was auch nur einen Tod wert gewesen wäre."

Hättich bemerkt zu Recht, daß der Staat nicht nur ein formales politisches oder Verwaltungsgebäude sei. "Das Denken über den Staat verändert den Staat, ... unser Bewußtsein vom Staat ist ein Teil der Staatswirklichkeit." Und "Die Frage nach dem Staatsbild verdichtet sich zur Frage nach der Demokratievorstellung." Die Demokratie sei auf ein lebendiges Staatsbewußtsein und damit auf ein in den Grundzügen übereinstimmendes Staatsbild angewiesen. Aber da sie das Denken über den Staat freigebe, institutionalisiere sie die Möglichkeit, daß Verschiedenes gedacht werde: "Vielleicht ist das, was gern Krise genannt wird, eine Notwendigkeit freiheitlicher Ordnung." Hättich folgert weiter, der Staat als Arbeitsgemeinschaft habe einen sachbezogenen, allerdings auf die Sache der Menschen hin orientierten Charakter,

"Für die funktionale Staatsauffassung sammeln sich die politisch tätigen Menschen nicht um einen Mythos, nicht in erster Linie um eine Idee und auch nicht aus dem unmittelbaren Gemeinschaftsbedürfnis des Menschen heraus, sie sammeln sich um vom Gesellschaftsleben gestellte Probleme." Der funktionale Staat sei deshalb kein Gegenstand der Verehrung. "Es ist nicht zuletzt die freiheitliche und demokratische Form, die es möglich macht, dem Staat diesen Charakter zu nehmen, ohne ihn all seiner Würde zu berauben. Er hat seine Würde von den Menschen, die ihn brauchen und die ihn bilden."

Ähnlich ordnet Hättich auch die Nation ein. Sie ist für ihn das zum politischen Selbstbewußtsein gelangte Volk. "Eine Gruppe von Menschen wird in erster Linie dadurch zur Nation, wenn sie eine Nation sein will." Aber Hättich relativiert den Anspruch der Nation für die Bürger: "Wir müssen ernst machen damit, daß ein Mitglied einer Kirche sich unter bestimmten Aspekten dem Mitglied derselben Kirche am anderen Ende der Welt verbundener weiß als dem nicht seiner Kirche angehörenden Mitglied seiner Nation." Das gelte auch für gewerkschaftliche oder politische Verbundenheit.

"Worauf es ankommt, ist die Erkenntnis, daß all diese Bindungen in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr in ein hierarchisch geordnetes Schema zu bringen sind." Denn "politische Gebilde können dem Menschen nicht Antwort geben auf die ihn seit Anbeginn bewegende Frage, warum er ist, wozu er ist, welches der eigentliche Sinn seiner Existenz ist". Die Nation müsse also offen sein, "indem sie das politische Gemeinschaftsbewußtsein kleinerer politischer Einheiten nicht aufsaugt. Und sie muß offen sein nach außen, indem sie übernationale politische Zweckgemeinschaften genauso sinnvoll erscheinen läßt wie sich selbst". L–r