Ein wissenschaftliches und amüsantes, ein unterhaltsames und von schöner Belesenheit zeugendes Buch ist anzuzeigen – eine Studie, die der Frage gilt, in welcher Weise eine zwiefach ausgezeichnete Stadt, eine verschüttete und Jahrhunderte später entdeckte Gemeinde, die Phantasie der Literaten, ihre Todesfaszination und ihren Sinn für die Vergänglichkeit inspiriert hat –

Wolf gang Leppmann: "Pompeji" – Eine Stadt in Literatur und Leben; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 256 S., 24,80 DM

Witzig und anekdotisch, beispielhaft und abschweifungsreich wird in dieser kleinen Monographie, einem vom Geist der Causerie erfüllten Unternehmen, das mit Walt her Rehms "Europäischen Romdichtung" zu vergleichen Sache der Germanisten ist, das Porträt einer Stadt im Spiegel der Poesie nachgezeichnet. Aufs Charakteristische blickend, unbekümmert um Gebote der Vollständigkeit, verfolgt Leppmann Pompejis Geschick von Plinius des Jüngeren Zeiten (er war es, der die berühmter, Briefe über den Vesuv-Ausbruch vom August 79 schrieb) bis hin zu Felix Hartlaub und Malcolm Lowry. Der Archäologie wird dabei nur am Rande, nur insoweit gedacht, wie ihre Forschungen auch literarisch einen Niederschlag fanden; von der glücklichen Handelsstadt, einer freundlich gelegenen Niederlassung, die auf ihren Kohl so stolz wie auf ihre Fischsauce war, ist allenfalls beiläufig die Rede.

Leppmann ist kein Maiuri – auch kein Ceram in litteris nebenbei bemerkt, ihn interessiert weniger der Bauer Giovanni Battista Nocerino, der anno 1771 beim Vertiefen eines Brunnens auf die Überreste alter Mauern stieß oder der Architekt Domenico Fontana, dem es zu verdanken ist, daß die verschollene Stadt, bei der Anlage des Sarno-Kanals, wieder zu einem bestimmbaren Platz auf der Landkarte wurde. Leppmann erwähnt Historisches und Kunstgeschichtliches allein deshalb, um Männer wie Charles de Brosses oder jenen Horace Walpole vorzustellen, der auf der Grand Tour, dieser klassischen Bildungs- und Zerstreuungsreise reicher Engländer, auch Pompejis gedachte.

Seltsam zu denken, daß mancher spleenige Gentleman, der damals nicht zuletzt auf Reisen ging, um seine unter düsteren Himmeln erworbene Melancholie loszuwerden, im Haus der Dioskuren dem Herrn und Meister seiner Krankheit, dem schrecklichen Sichelgott Saturn begegnete – eine Überlegung, die sich bei Leppmann nicht findet, der aber der Leser seines Buchs um so bereitwilliger folgt, da der Autor selbst, und das ist wahrlich kein Schaden, immer wieder vom Hundertsten ins Tausendste kommt: Kaum taucht der Name Winckelmann auf, da wird auch schon, ehe man dann zu den "herkulanischen Entdeckungen" kommt, eine anekdotenreiche Vita, ein Vier-Seiten-Curriculum des Stendaler Armeleutekinds mit der weltmännisch-römischen Attitüde entworfen – und was Winckelmann recht ist, ist Frau de Staël schließlich nur billig. Kein Wunder also, daß sich die Paraphrase von "Corinne ou Vitalis von mancherlei gelehrtem Schwank, von Lamartine- und August-Wilhelm-Schlegel-Geschichten umrahmt sieht.

Ich könnte mir denken, aber vielleicht irre ich mich, daß Leppmanns Buch auf ein Kolleg zurückgeht, eine Vorlesung, vor amerikanischen graduates mit viel pädagogischem Verständnis gehalten. So ließe sich auch der mündliche Tonfall des Buches verstehen, das Plaudern und inhaltangeben, das Anekdotische und Degressive: "Dabei fällt mir noch ein", "hier muß ich erwähnen", "lassen Sie mich aber zunächst an dieser Stelle betonen" ...

Wilhelm-Scherer-Stil ist das nicht, und den Geboten der Zunft folgt diese Art der Darstellung auf keiner einzigen Seite – mir aber hat es Spaß gemacht, Bekanntes beiläufig rekapitulieren zu können und über Abgelegenes in unkonventioneller Manier unterrichtet zu werden. Vortrefflich die Hinweise auf die romantische Ruinenpoesie, die Vergleiche zwischen Pompeji und der Campagna, lehrreich der Sprung von Goethe zu Frau von Staël: wie da die niedliche, in Puppenschrank-Maßstab hingebreitete Stadt (Goethe maß mit Kolosseumsmaß, und das tun, wie jüngst die Zeitschrift Life in einer Pompeji-Reportage recht anschaulich beschrieb, die meisten Betrachter noch heute) plötzlich zur city of the soul im Sinn der Romantiker wurde!