"Lebensläufe" – eine Reihe des Kösel-Verlags

Von Ernst Stein

Der Weg In die Vergangenheit ist mit Memoiren gepflastert. Wenn nicht so viele Berühmtheiten ihre Denkwürdigkeiten hinterlassen hätten, müßte die Nachwelt nicht dauernd die unbequemen Maßstäbe an die Geschichte anlegen, die ihr postum in die Hand gedrückt werden. Nur so konnte die pathetische Auffassung um sich greifen, daß der Charakter einer Epoche von ihren großen Männern geprägt wird, jedes Zeitalter ist das Zeitalter des kleinen Mannes, nicht des großen. Eine heilsame Einsicht – aber weniger willkommen war es, daß diese Erkenntnis gerade vom Wirtschaftlichen und Politischen her auf uns eindrang, weil dabei eine Fülle menschlicher Züge und psychologischer Ansätze der Statistik zum Opfer fiel.

Wohl gibt es auch Memoiren von Episodisten, die durch nichts anderes als ihre Erinnerungen berühmt wurden, was immer sie sonst im Leben geleistet haben mochten, wie der fahrende Schüler Johannes Butzbach und der Arme Mann im Toggenburg, wie der Magister Laukhard und der Maler Kügelgen. Aber selbst bei diesen Randfiguren steht der literarische Reiz dem Rohstoff noch im Wege.

Reinen Quellenwert hat erst die Lebensbeschreibung der Statisten, die Autobiographie der Namenlosen. Wenn neben Saint-Simon ein Kaminheizer von Versailles seine ungelenke Hand an Erinnerungen versucht hätte, neben Eckermann die tüchtige Köchin vom Frauenplan, neben Cellini eines der stämmigen Modelle Michelangelos, kämen wir näher an die Quellen der Großen Revolution, der bürgerlichen Kultur, des künstlerischen Schaffensvorgangs.

Der bescheidene Niemand – durchaus nicht immer bescheiden – kommt aufs köstlichste zu Wort in der unbezahlbaren und spottbilligen Reihe "Lebensläufe", die in origineller Auswahl die Zeugnisse der Vergangenheit (Biographien, Erinnerungen, Briefe) um einige verschollene, aber höchst lebendige Stimmen vermehrt –

Bogumil Goltz: "Buch der Kindheit", herausgegeben von Friedhelm Kemp; 338 S.