Von W. O. V. Hentig

Hans Henle: Der neue Nahe Osten. Holsten Verlag, Hamburg. 392 Seiten, 22,80 DM.

Vom Jahre 1938 an gab es so gut wie keine deutsche Orientliteratur. Seit über zehn Jahren hat sich dies nun etwas geändert. Nun hat sich Hans Herde dieses "Krisenraums der Weltpolitik" nicht so sehr als Publizist von Graden und Grundwissen, denn als zeitgeschichtlicher Beurteiler politischer Entwicklungen und Zusammenhänge angenommen.

Er tut dies trotz genauer Kenntnis der geschichtlichen Vorgänge ohne Gelehrteneitelkeit in fast dichterischer Sprache. In klarer Zeit- und Ortfolge behandelt er besonders uns heute so unmittelbar angehende Entwicklungen in Nahost: das dortige unaufhörliche Brodeln, das Auf und Ab der örtlichen Machtkonstellationen, die Beziehungen der (einst als islamisch gegen den Kommunismus gefeit geltenden) Länder zu Sowjetrußland und Volkschina, die Rolle Israels und schließlich die Blockbildungen durch Islam und arabischen Sozialismus. Von keinem dieser Probleme sind wir in Deutschland unberührt. Aus einer Fernsehsendung wissen wir von Kaufleuten und Ingenieuren, wie stark die Substanz unseres Ansehens und einer merkwürdig gemischten Vorliebe für den Deutschen von früher, mehr als den von heute, angegriffen ist, wie sehr wir auch wirtschaftlich verloren haben. Nur eines unserer alten Arbeitsgebiete hat einigermaßen seinen Ruf bewahrt: die wissenschaftliche Forschung. Ganz eingebüßt hat ihn unsere Politik.

Worin liegt nun die Neuartigkeit und der Wert von Henles Auffassung eines neuen Nahen Ostens? Darin, daß er die Grundlagen der geschichtlichen Entwicklung der östlichen Länder anzeigt, die ihre wirtschaftlichen Note und als Folge davon politische Bedrängnis und einen immer esplosiveren Freiheitsdrang ausgelöst haben. Im großen und ganzen erhalten wir nur höchst natürliche Erklärungen für zwangsläufige Entwicklungen, die nur zu häufig Presse und Politik zu falschen Auffassungen und damit einer allseits schädlichen Haltung geführt haben. Mit aller Deutlichkeit mußte uns noch einmal vor Augen geführt werden, wie stark selbst wir in kolonialem westlichem Denken befangen sind. Er wies darauf hin, lange bevor eine Fernsehdokumentation über unsere kolonialen Erwerbungen die idyllischen Vorstellungen unserer ersten Kolonialpolitik gründlich zerstörte. Ganz und gar gelang es uns deswegen auch nicht, aus dem Verlust unserer Kolonien, mir dem wir in den Augen des Ostens aus der Reihe der Kolonialmächte ausschieden, das Beste zu machen.

Es ist gerade auch für uns Deutsche, nachdem zehn Jahre darüber hingegangen sind, wichtig, an geschichtliche Ereignisse wie die Wiederinbesitznahme des Suezkanalterritoriums, die damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Folgen und die damaligen Voraussagen der westlichen Presse erinnert zu werden. Nach so viel Auf und Ab der Meinungen ist es nicht nur gut, sondern nötig zu erkennen, daß ein Staatsmann, oder sagen wir zunächst einmal, Volksführer für seine gewaltigen Aufgaben gezwungen ist, sich Schwung und Mitarbeit der Masse zu sichern. Was ist aber nicht alles über Nassers Eroberungspläne gegenüber den arabischen Völkern in die Welt gesetzt worden, was über seine kommunistische Einstellung! Man lese auch bei Henle die letzte Geschichte Marokkos und Algeriens nach und vergleiche sie mit dem in unserer Presse im allgemeinen gezeichneten Bild dieser Länder.

Parallele Entwicklungszustände in Iran kommen, gemessen an ihrer grundsätzlichen Bedeutung, zu kurz. Die auch von der amerikanischen Presse veröffentlichten Dokumente über die Verwendung der amerikanischen Entwicklungshilfe in Gestalt von Bankauszügen und den Quittungen der mit Bestechungsgeldern aus dem Hilfsfonds Bedachtest sollten das Verhalten unserer Regierung im Interesse einer vernünftigen Verwendung unserer Entwicklungshilfe schon längst bestimmt haben. Gleichfalls sei das Kapitel Türkei als ein noch wenig erkannter Explosionsherd unseren orientreisenden Politikern empfohlen.