Von Michael Jungblut

Recklinghausen

Die Kumpel an der Ruhr hatten den Aufstand geprobt, aber er fiel dann doch aus, wegen Regen. Die Polizisten, die um die Engelsburg in Recklinghausen verteilt waren, holten sich nur kalte Füße; zu tun hatten sie nichts. Alles ging sehr wohlgesittet zu, obwohl ein heißes Thema zur Debatte stand. Gerhard Kienbaum (FDP), Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, und der Schriftsteller Anton Zischka diskutierten in einem Podiumsgespräch das jüngste Buch aus der Produktion des Autors: "Die Ruhr im Wandel – Ruinenfeld oder Retter von morgen?" Zwar ließen sich die fünfhundert geladenen Zuhörer – Bundes- und Landtagsabgeordnete, Zechendirektoren, Handelskammer- und Regierungspräsidenten, einige Oberbürgermeister und Iandräte – gelegentlich einmal zu Buhrufen hinreißen, aber für Radau waren sie nicht zuständig.

Das hatten am vergangenen Freitag schon andere getan. In Bottrop waren wieder die schwarzen Fahnen aus den Schränken geholt und Transparente entrollt worden. Unter dumpfem Trommelklang marschierte ein Zug Bergleute durch die Stadt. Einzelhändler, Ärzte und Ratsherren ordneten sich ein, Gastwirte schlossen sich an. Sie sind schließlich die ersten, deren Umsatz sinkt, wenn der Bergmann weniger verdient. Angeführt wurde die Kolonne von fünf Reihen Geistlicher beider Kirchen. Sie alle protestierten gegen die Stillegung der Zeche Möller-Rheinbaben, die bisher 3200 Bergleute beschäftigt hatte.

Aller Unmut entlud sich auf das Haupt des Wirtschaftsministers in diesem Kohlenland, dem man auf Spruchbändern bereits den Titel eines Anti-Bergbau-Ministers verliehen hatte. "Kienbaum muß weg", war denn auch das Generalthema, das auf vielen Spruchbändern variiert wurde. Andere forderten: "Möller-Rheinbaben darf nicht sterben."

Das war auch die Meinung von Zischka, der die Stillegung der Zeche für unnötig befand, ein handgreifliches Beispiel für die von ihm so schmerzlich beklagte Krise des Verantwortungsbewußtseins in der Bundesrepublik. Hier, bei einer Zeche, die Eigentum der Hibernia sei, ein Bundesunternehmen also, könne es doch nicht an Geld fehlen.

Der Beifall des Auditoriums war ihm an dieser Stelle sicher, nicht jedoch der des Wirtschaftsministers. Zischka hatte übersehen, daß die Hibernia, als Tochtergesellschaft der Veba, inzwischen teilprivatisiert worden ist. Die Aktien sind breit unters Volk gestreut. Einige sind vermutlich auch im Besitz der Protestmarschierer aus Bottrop. Aber daran hatten sie wohl ebensowenig gedacht wie Zischka. Aber das war es nicht, was Kienbaum zur Gegenattacke reizte.