Konrad Adenauers Erinnerungen 1953 bis 1955

Von Golo Mann

Konrad Adenauers zweiter Band – Erinnerungen 1953–1955, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart – handelt von nur drei Jahren, der erste aber von acht; so daß jener noch genauer ins Detail der Konferenzen, der Notenwechsel, der einschlägigen, von ihm selber, von Bundesgenossen, Gegnern, Feinden gehaltenen Reden gehen müßte. Trotzdem hat man den Eindruck des Knapperen, Gestraffteren, manchmal des eigentlich Spannenden. Der späte Historiker hat beim Schreiben schöner Schreiben gelernt.

Die Methode behielt er bei: das Vorgehen in kleinen, wenn auch festen Schritten, das Ernstnehmen jedes diplomatischen Aktes, der irgend auf Deutschland Bezug hatte, auch solcher, bei denen rein gar nichts herauskam; die Wiedergabe gegnerischer Argumente mit voller Objektivität, um sie dann ebenso gründlich zu widerlegen; die hin und wieder eingeschalteten, resümierenden Betrachtungen, "Grundsätzliches zur Wiedervereinigung Deutschlands", "Grundsätzliche Betrachtungen zu Ost-West-Verhandlungen", "Standort der deutschen Außenpolitik", "Einiges zur Taktik der Sowjetunion" und so fort. Von diesen Einschaltungen glaube ich, daß sie aus im Augenblick selber verfertigten Arbeitspapieren stammen.

Der Staatsmann Adenauer ist systematisch vorgegangen. Seinen Entscheidungen lagen saubere Gedankenoperationen zugrunde; die Eliminierung von Möglichkeiten, bis eine einzige als Notwendigkeit übrig blieb. Solche Systematik gab seiner außenpolitischen Führung die Festigkeit, und vielleicht war das der Hauptzweck dabei. Denn ungefähr kannte der Rechnende das Resultat seiner Rechnung ja doch im voraus, und im wesentlichen blieb es immer das gleiche Resultat.

Der Autor selber tritt, im Vergleich mit dem ersten Band, ein wenig zurück. Es ist mehr von dem die Rede, was andere taten, mehr von dem, was ohne sein Zutun geschah, es werden Blicke auf andere Länder, andere Kontinente geworfen. Das Letztere aber immer von Deutschland aus und insoweit die Entwicklung Chinas oder der Vereinigten Staaten Adenauers Deutschland interessierte. Anderes nicht. Schon Österreich gehört nach diesem Geschichtsbild keineswegs zu "Deutschland", und das Interesse des Staatsvertrages von 1955 liegt nicht in den Folgen, welche er für die Existenz der Österreicher hatte, sondern ausschließlich in der Frage, ob er eine Veränderung der russischen Politik Deutschland gegenüber bedeutete oder nicht bedeutete.

Von geschichtlichen Rückblicken kehrt nur einer immer wieder: das Erlebnis deutschen Selbstüberschätzung, ihrer Isolierung und dann des Ruins, das der alte Herr in seiner Zeit so reichlich erfuhr. "Wir waren zweimal durch Selbstüberschätzung gescheitert, beide Male in einem Krieg. Ein drittesmal dürfte das nicht geschehen." "Wir laufen dann die Gefahr... daß sich Deutschland wie so oft in den letzten Jahrzehnten ohne Freunde zwischen sämtliche Stühle gesetzt hat..."