Von Marianne Kesting

Alljährlich erscheinen auf dem deutschen Büchermarkt "Nach-Entdeckungen" ausländischer Literatur, denen man prophezeien kann, daß sie es um ihrer Exklusivität willen mit den Lesern nicht ganz leicht haben werden. Ich denke etwa an die Ausgaben Marcel Jouhandeaus, Djuna Barnes’, Georges Batailles’. Man muß sie als außergewöhnliche Leistungen der Verlage betrachten, die sehr genau wissen, daß dergleichen Bücher von Bestsellern erstickt zu werden drohen, welche von ihrer literarischen Qualität her weit weniger Aufmerksamkeit verdienen. Eine solche Nach-Entdeckung ist –

Pierre Jean Jouve: "Die leere Welt" (Originaltitel "Le monde désert"), aus dem Französischen von Friedhelm Kemp; Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin; 264 S., 24,80 DM

– ein faszinierender und sehr ungewöhnlicher Roman. –

Jouve ist in Deutschland fast unbekannt. Sein – erster Roman "Paulina 1880" wurde zwar in den zwanziger Jahren und noch einmal. 1964 herausgegeben, auch ein Gedichtband. Aber wer nahm schon Notiz davon? Jouve lebt heute, fast vergessen, als alter Mann in Paris. Er hat in Frankreich insgesamt fünf Romane, und eine Anzahl Gedichtbände veröffentlicht und sich zudem als Hölderlin-Übersetzer einen Namen gemacht.

"Die leere Weit" erschien 1927. Bei uns wird das Buch zu den stillen Ereignissen dieser Herbstsaison gehören, die aber hoffentlich wahrgenommen werden.

Der Roman erzählt die Geschichte einer Leidenschaft, die drei junge Menschen miteinander verflicht. und sie schließlich aneinander zugrunde gehen läßt. Er spielt, obgleich Szenerie und Handlung durchaus reale Züge haben, doch abseits von unserer gewohnten Alltagswelt, die sich vor allem als Störungsfaktor und als Negativ abzeichnet, endlich als lähmender Einbruch in die Psyche der drei Figuren. Der Gang der Handlung ist schnell erzählt; Da ist Jacques de Todi, Sohn eines kalvinistischen Pfarrers, der aus einer traumverlorenen Kindheit plötzlich zu sich selbst erwacht und für einen Moment in seiner jugendlichen Schönheit und Herrlichkeit auftaucht. Das ist nur ein Augenblick, flüchtig wie das Aufschießen eines Feuers. Aber sein Freund Luc, der Schriftsteller, und die junge Russin Baladine haben ihn: wahrgenommen. Und tatsächlich wird dieser Moment sie alle drei in eine seltsame Verwirrung stürzen, der sie nicht mehr entrinnen können und endlich auch nicht mehr entrinnen wollen.