Von Hansjakob Stehle

Als "eigentlicher Gegenspieler Breschnews" machte er letzte Woche wieder Schlagzeilen im Westen. Doch das, was Nicolae Ceausescu beim Parteikongreß in Sofia verkündete, war seinem sowjetischen Kollegen gewiß nicht mehr neu: Die rumänische Forderung nach Unabhängigkeit, Gleichheit, Nichteinmischung, das Pochen auf "das Recht jeder Partei, ihre Politik, ihre revolutionäre Strategie und Taktik selbständig, gemäß den konkreten Gegebenheiten, unter denen sie tätig ist, auszuarbeiten", das Beharren auf Souveränität und Neutralität im sowjetischchinesischen Konflikt.

Vor zwei Jahren noch war Ceausescu im Westen kaum dem Namen nach bekannt. Als junger Mann des großen Potentaten Gheorghiu-Dejs hatte er ein schwieriges Erbe anzutreten. Doch in den eineinhalb Jahren seiner Herrschaft ist es dem rumänischen Parteichef gelungen, aus dem Schattenkreis seines toten Vorgängers und Protektors herauszutreten. Mehr noch, er hat sogar den Glorienschein Dejs verblassen lassen: Der "Kult" des Mannes, der sich in seinem letzten Lebensjahr legendäre Popularität sicherte, weil er Moskau die Stirn bot, ist in Rumänien nahezu verschwunden.

Ceausescu ist ein unpathetischer, aber energischer Manager der Macht. Er wuchert mit dem Erbe auf eigene Weise. Seiner bäuerlich-trockenen Art, die ihn beim öffentlichen Auftreten fast schüchtern, eher reserviert erscheinen läßt, liegt offenkundig nichts an "Beliebtheit": Er fühlt sich als Verwalter, als eine Art erster "Weichensteller" in einer Führungsgruppe, deren "alte Kämpfer" alle aus dem Eisenbahner-Milieu kommen. Pünktlichkeit und Signale, die keine Fragen, nur Gehorsam verlangen – das ist der Stil, der seit zwei Jahrzehnten in der Bukarester Parteizentrale bevorzugt wird.

Der neue Parteichef hat nie den Ehrgeiz oder die Phantasie gehabt, an diesem Herrschaftsmodell etwas Wesentliches zu ändern. Als er 47jährig im März 1965 zur Macht kam, war er zu jung, um sich als milder "pater patriae" zu etablieren, zu alt jedoch, um Illusionen darüber zu hegen, was aus Rumänien würde, wenn die regierende Minorität die Zügel schleifen ließe. Sein Leben – die Laufbahn eines Nur-Funktionärs – hatte ihn das gelehrt.

Geboren wurde er als Sohn eines bäuerlichen Schuhmachers in Scornicesti, 120 Kilometer von der Hauptstadt. Doch wuchs er dann in Bukarest auf, wo sich der Vater eine kümmerliche Werkstatt eingerichtet hatte. Welche Schule er besuchte, ob er begann, einen Beruf zu erlernen – keine offizielle Biographie verrät es. Man weiß nur, daß er schon als Vierzehnjähriger zum kommunistischen Jugendverband stieß und vier Jahre später – 1936 – zur Partei, die nur einige Tausend Mitglieder hätte. Im gleichen Jahr wurde er verhaftet und wegen Agitation zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Kurz nach seiner Freilassung, bei Kriegsausbruch, wurde er wieder inhaftiert. Er kam ins Konzentrationslager Targu-Jiu, wo er jenen beiden Kommunisten begegnete, die seine Karriere bestimmten: Gheorghiu-Dej, dem späteren Parteichef, und Ion Gheorghe Maurer, dem heutigen Ministerpräsidenten, einem weltmännischen Rechtsanwalt, der dank guter Beziehungen aus Targu-Jiu entkam und am 21. August 1944 seine Freunde aus dem Lager befreite.

Damals begann der erstaunliche Aufstieg Ceausescus. Auf Parteischulen und in Abendkursen holte er Versäumtes nach. Als "rechte Hand" Gheorghiu-Dejs organisierte er den kommunistischen Jugendverband. Schnell gelangte er danach in eine Schlüsselposition der politischen Verwaltung der Armee: Mit 28 Jahren war er Brigadegeneral, mit 32 stellvertretender Verteidigungsminister und Generalmajor. Im Mai 1952 gelang es Gheorghiu-Dej, mit seiner "einheimischen" im Lager zusammengeschmiedeten Gruppe von Kommunisten die "Moskauer" Gruppe Anna Paukers, der Aufpasserin Stalins, auszuschalten. Danach stieg auch Ceausescus Stern weiter. Aus der Armee, die er wahrscheinlich in kritischen Momenten Gewehr bei Fuß gehalten hatte, wechselte er 1954 ins Parteisekretariat, 1955 ins Politbüro – mit 37 Jahren der Jüngste in der Kommandozentrale des Landes. Mit Gheorghiu-Dej und Bodnaras, dem damaligen Haupt-Vertrauensmann Moskaus, gehörte er zu der "Troika", die jeden Morgen mit dem sowjetischen Botschafter zu konferieren pflegte.