Im Englischen ist das Buch 1930 bei Cape in London erschienen, schon 1931 kam die deutsche Übersetzung beim Union-Verlag in Stuttgart heraus. Das Bild einer herrlichen Kinderfreiheit wurde in Deutschland jedoch so bald darauf von uniformierten Lagerideen überdeckt, daß einer der klassischen Kinderromane Englands bei uns unbekannt geblieben ist.

Jetzt, 36 Jahre später, ist er in der Schweiz neu übersetzt und herausgegeben worden –

Arthur Ransome: "Der Kampf um die Insel", aus dem Englischen von Edith Gradmann-Gernsheim; Verlag Sauerländer, Aarau; 232 S., 12,80 DM.

1930: Das war drei Jahre nach Kästners "Emil und die Detektive" (Dressler), drei Jahre nach Speyers "Kampf der Tertia" (Rowohlt), die Zeit, in der die deutsche Jugendliteratur in ihrer ersten, kurzen Blüte stand. Präziser, humorvoller Realismus. bestimmte den Stil und die Grundhaltung, die liberale Moralauffassung der Demokratie gab dem Kinderleben eine neue Freiheit und eine neue eigene Verantwortlichkeit. Die Autoren waren Dichter reinsten Geblüts, die noch genau den Geschmack der Kindheit in Erinnerung hatten. Bei Ransome ist es der Geschmack nach Wasser, Heu und Rauch, Aroma der Sommerferien an einem See, bei ihm geht der Kindertraum vollkommen in Erfüllung: Die Kinder haben ein Segelboot und dürfen mitten im See auf einer Insel leben und Seeräuber sein. Sie bekämpfen zuerst eine andere Bootsmannschaft, befreunden sich dann mit den Kindern, besiegen einen erwachsenen Seeräuber, dessen Schatz sie dann retten, erleben jeden Tag Abenteuer und genießen ihr Leben aus vollem Herzen.

Ein Kindertraum, vollkommen frei von Kindertümelei, klar, bildhaft, sachlich, spannend, alles in allem gut wie ein Erwachsenenroman geschrieben, dazu ein Beispiel für Sinn und Nutzen vom Vertrauen auf rücksichtsvoll erzogene Kinder, auf richtig genutzte Freiheit, auf den regulierenden Verstand, auf phrasenlose Kameradschaft, auf Humor und Selbstüberwindung und Erziehung durch die Gemeinschaft – kurz, ein hochpädagogisches Kinderbuch. Wie bei Kästner spürt man bei jedem Wort, daß sich der Autor auf einer Ebene mit seinen Lesern fühlt und keinen Satz geschrieben hat, durch den er sich nicht auch verpflichtet fühlte,

Das ist das Neue jener Kinderbücher gewesen: Keine doppelte Moral für Erwachsene und Kinder, aber gleicher Spaß für Kinder und Erwachsene am Lesen.

Dieser Ernst und diese fröhliche Partnerschaft sind es vermutlich, die auch Ransomes Bücher so frisch und jung gehalten haben. Hoffentlich folgen diesem ersten Band im Lauf der Zeit auch die anderen nach, nach.