J. R. Tournoux: Pétain und de Gaulle, Aus dem Französischen von Günter Geschke und Bernd Abetz. Droste Verlag, Düsseldorf; 346 Seiten, 28,50 DM.

John Lukacs, der die französische Originalausgabe dieses Buches am 12. März 1965 in der ZEIT besprochen hat, nennt es "ein sehr wichtiges, ein außerordentliches Buch über ein Stück zeitgenössischer Geschichte". Und weiter: "Es ist bedeutsam sowohl wegen seines dokumentarischen Wertes als auch wegen der Gedanken und wichtigen Einsichten, die der Verfasser hier niedergelegt hat... Pétain und de Gaulle waren nicht einfach zwei Soldaten, die in einem äußerst dramatischen und tragischen Augenblick des Jahres 1940 ihre Pflicht ihrem Lande gegenüber verschieden, sehr verschieden auffaßten. Ihrer beider. Leben war eng miteinander verbunden gewesen, und die Spuren eines psychologischen Dramas in ihren Beziehungen zueinander sind nicht zu übersehen.

Das größte Verdienst des Buches besteht darin, daß es mit vielen kleinen aber sehr bedeutsamen Einzelheiten Charakter und Persönlichkeit von Pétain und de Gaulle enthüllt.

Das Buch schildert zwei verschiedene Vorstellungen von Patriotismus, zwei verschiedene Vorstellungen von der europäischen ‚Rechten‘. Die wichtigsten Nationen Europas waren nach 1920 schon in den Nach-Marx-Abschnitt eingetreten; im letzten wirklich europäischen Krieg, das heißt, in den Jahren 1939 bis 1941, waren die führenden Gestalten, und zwar alle, Männer der ‚Rechten‘. Und zwischen 1935 und 1945, in Deutschland wie in Frankreich, waren die führenden Gegner Hitlers Patrioten aus Tradition, wie de Gaulle, wie viele der deutschen Verschwörer vom Juli 1944, Männer, die ihre manchmal recht altmodischen Begriffe von Ehre mit einer ganz neuen, ganz modernen Auffassung von den europäischen Notwendigkeiten verbanden.

Es fehlte aber auch nicht an einer anderen Art von achtbaren, konservativen Politikern, die versagt haben, als es galt, die neue Gefahr zu erkennen, die von der radikalen Rechten kam; die, zum Teil aus irriger Überzeugung, zum Teil aus Opportunismus, vor allem aber, weil sie die Gefahren des Marxismus überschätzten, mit Hitler und mit Mussolini kollaborierten – Leute wie Pétain in Frankreich, Chamberlain in England, Papen in Deutschland. Die Tragödie Deutschlands lag darin, daß es all den glänzenden Theorien ihrer nationalrevolutionären und neokonservativen politischen Denker einer ganzen Generation nicht gelang, Hitler etwas anderes entgegenzustellen. Es gab viele deutsche Pétains vom Typ Papen: deutsche de Gaulles gab es nicht, nur Schleicher."