Von Konrad Müller

Vor etwa sechs Jahren hatten Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure aus den sechs Ländern der Europäischen Gemeinschaft mit der Entwicklung eines schwerwassermoderierten und organisch gekühlten Reaktors begonnen. Damals versprach dieser Reaktor, der kurz Orgel (Organique, Eau Lourde) genannt wird, für Europa einmal die Bedeutung zu erlangen, die in den Vereinigten Staaten von Amerika gerade die Leichtwasser-Reaktoren erreicht hatten. Aus diesem Grunde hatte man ihn beispielsweise auch für Natururan als Brennstoff ausgelegt, denn Europa wollte in der Energieversorgung nicht von den amerikanischen Uran-Anreicherungsanlagen abhängen.

Die Entwicklung des Orgel-Reaktors erschien deshalb aus technischen, wirtschaftlichen und politischen Gründen für eine gemeinsame europäische Aufgabe prädestiniert.

In Ispra, einem kleinen italienischen Städtchen am Lager Maggiore – etwa 65 Kilometer von Mailand entfernt –, entstand im Jahre 1961 aus einem nationalen Kernforschungszentrum die größte Forschungsanstalt der Gemeinsamen Kernforschungsstelle der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom), in der sich die wissenschaftlichen Aktivitäten um das Projekt "Orgel" gruppieren konnten. Heute arbeiten in dieser Forschungsanstalt, die ein Gelände von etwa 160 ha umfaßt, über 1600 Personen aus den sechs Ländern der Gemeinschaft. Sie sind vornehmlich mit Aufgaben im Rahmen des Orgel-Projektes beschäftigt.

Doch der Elan, mit dem die gemeinsame Aufgabe vor Jahren in Ispra begonnen wurde, ist längst verflogen. In den Gesprächen spürt man heute Resignation. Noch scheut sich jeder, es deutlich auszusprechen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß man sich von der Euratom-Kommission und vom Ministerrat der Europäischen Atomgemeinschaft im Stich gelassen fühlt, denn von einem Vereinten Europa und von einer gemeinsamen Aufgabe wird in Brüssel kaum noch gesprochen. Mehr noch, man bezweifelt, ob sich der Ministerrat noch als europäisches Organ versteht oder mehr als eine Konferenz von sechs Regierungen, die in Brüssel ihre nationalen wissenschaftlich-technischen Interessen vertreten.

So reagieren in Ispra die Wisenschaftler auch mit einem gewissen Recht allergisch, wenn Journalisten etwas vergröbernd und vereinfachend von einer Orgel-Krise sprechen. Die Forscher glauben vielmehr, daß die wissenschaftlich-technische Konzeption ihres Reaktors heute noch immer genauso gut oder genauso schlecht ist wie vor etwa fünf Jahren. Nur hat sich die Entwicklung der amerikanischen Leichtwasser-Reaktoren wesentlich rascher vollzogen, als man es damals auch nur ahnen konnte. Und dieser Entwicklung hat der schwerfällige und komplizierte Verwaltungsapparat der Europäischen Atomgemeinschaft, der für jede Programmänderung die Zustimmung aller sechs Mitgliedsländer einholen muß, nicht rechtzeitig genug Rechnung tragen können.

Der Orgel-Reaktor wird, wie die ersten drei Buchstaben seines Namens andeuten, mit einer organischen Flüssigkeit, nämlich mit Terphenyl (eine Verbindung aus drei Benzolringen) gekühlt. Gegenüber Wasser als Kühlmittel zeichnet sich diese Verbindung durch einen sehr niedrigen Dampfdruck aus; bei einer Temperatur von 350 Grad Celsius hat Wasser beispielsweise einen Dampfdruck von 170 kg/cm2, während er bei Terphenyl nur etwa 7 kg/cm2 beträgt. Ein anderer Vorteil dieser organischen Substanz ist es, daß sie mit den meisten Materialien, die zur Konstruktion des Reaktors verwendet werden können, chemisch nicht reagiert; man kann daher bei den Kühlkreisläufen auf die Verwendung kostspieliger nichtrostender Stähle verzichten.