Goethe für junge Menschen – Seite 1

Unser Kritiker sah:

IPHIGENIE AUF TAURIS

Schauspiel von Johann Wolfgang Goethe

Landestheater in Darmstadt

Residenztheater in München

Auf zwei Bühnen sind Neuinszenierungen der "Iphigenie" zu sehen, in denen die Regisseur-Intendanten Gerhard F. Hering (Darmstadt) und Helmut Henrichs (München) junge Menschen durch junge Hauptdarsteller anzusprechen suchen.

Radikal ist Hering zu Werke gegangen. Er läßt die Iphigenie von der begabten Witta Pohl als ein junges Mädchen spielen, das ausschließlich vom Heimweh beherrscht wird. Die Regie mißachtet die im Text enthaltenen Hinweise auf die Altersrelationen. Durch die Ausklammerung des Priestertums bei Iphigenie fällt ein interessantes Licht auf König Thoas. Anfried Krämer gibt nicht den kaum gezähmten Barbaren, sondern einen ebenfalls noch ziemlich jungen Mann, der unversöhnt zu Boden stürzt, als die vergeblich umworbene Braut dem begnadigten Brüderchen Orest nachrennt. Als optischer Eindruck haftet die überdimensionale Bühnen-Ellipse von Ruodi Barth.

Goethe für junge Menschen – Seite 2

Im Münchner Staatstheater inszenierte Henrichs scheinbar konventioneller: Er ließ sich von Siegfried Stepanek eine mythisch-historische Tempelfassade bauen. Im übrigen versagte aber auch Henrichs seinen Schauspielern alle irgend entbehrlichen Requisiten und szenischen Stützpunkte.

Elisabeth Orth spricht und spielt die Iphigenie gleichsam aus dem Stand. Ihre Konzentration ist tupend. Diese junge Schauspielerin schlägt einen modernen Ton an, der die Sprecharien der leroinen meidet.

Die entpathetisierte Diktion vermittelt dem Zuschauer als zentrales Erlebnis die euripideischkeptische Herausforderung Iphigenies an die Götter, sich der Wahrheit hilfreich zu erweisen, Von Henrichs’ behutsam-kluger Schauspielfühung zeugt es, wie er Elisabeth Orth dazu verhilft, das Parzenlied als ironisch getönte Remiiszenz ans Titanenlos zu sprechen – gleichsam in bitter klingendes Ritornell ihres Hilferufs an die Olympier ("Rettet euer Bild in meiner seele!").

Obwohl die Münchner Aufführung nicht ganz lomogen war, erscheint sie mir als die bedeuendste "Iphigenie" seit Sellners Inszenierung für die Ruhrfestspiele. Johannes Jacobi