Im Münchner Staatstheater inszenierte Henrichs scheinbar konventioneller: Er ließ sich von Siegfried Stepanek eine mythisch-historische Tempelfassade bauen. Im übrigen versagte aber auch Henrichs seinen Schauspielern alle irgend entbehrlichen Requisiten und szenischen Stützpunkte.

Elisabeth Orth spricht und spielt die Iphigenie gleichsam aus dem Stand. Ihre Konzentration ist tupend. Diese junge Schauspielerin schlägt einen modernen Ton an, der die Sprecharien der leroinen meidet.

Die entpathetisierte Diktion vermittelt dem Zuschauer als zentrales Erlebnis die euripideischkeptische Herausforderung Iphigenies an die Götter, sich der Wahrheit hilfreich zu erweisen, Von Henrichs’ behutsam-kluger Schauspielfühung zeugt es, wie er Elisabeth Orth dazu verhilft, das Parzenlied als ironisch getönte Remiiszenz ans Titanenlos zu sprechen – gleichsam in bitter klingendes Ritornell ihres Hilferufs an die Olympier ("Rettet euer Bild in meiner seele!").

Obwohl die Münchner Aufführung nicht ganz lomogen war, erscheint sie mir als die bedeuendste "Iphigenie" seit Sellners Inszenierung für die Ruhrfestspiele. Johannes Jacobi