Die Bonner Gretchenfrage – Eine polemische Analyse,

Von Theo Sommer

Auf den ersten Blick wirkt die Große Koalition bestechend – geradezu als das Kolumbus-Ei der Bonner Politik.

Keine arithmetischen Schwierigkeiten mehr bei dem Versuch, für die nächste Bundesregierung eine Mehrheit zu finden – gar eine Zweidrittelmehrheit, mit der sich das Grundgesetz nach Bedarf und Gusto ändern ließe. Kein Ärger mehr mit der kleinen und daher lästigen (weil auf eigenes Profil bedachten) FDP. Keine Angst mehr bei der CDU/CSU, das Gliederschlottern hat ein Ende, sie bleibt an der Macht – was tut’s, daß sie sich mit den Sozialdemokraten darein teilen muß? Keine Frustration mehr bei der SPD, das lange Warten hat sich gelohnt, die Partei kommt endlich an die Macht – was tut’s, daß es nicht einmal die halbe Macht ist? Stabilität stellt auf einen Schlag sich ein, weil die Regierung auf breiter parlamentarischer Basis steht; gemeinsam kann überdies die Waffe des Mehrheitswahlrechts geschmiedet werden, mit welcher allen anderen Parteien sicher der Garaus zu machen ist – zum Frommen des Staates und seiner Bürger, jetzt und immerdar.

Es ist zu schön, um wahr zu sein; und es ist auch nicht wahr. Das Kolumbus-Ei ist faul. Nicht, daß das schwarz-rote Bündnis unter allen Umständen dogmatisch abzulehnen sei. Unter den gegenwärtigen Umständen aber wäre es verfehlt.

"Sag, wie hast du’s mit der Großen Koalition?" Zum ersten Male wurde die Bonner Gretchenfrage gestellt, noch ehe die Bundesrepublik ihre erste Regierung bekam. Das Datum: 21. August 1949. Der Ort: Konrad Adenauers Haus in Rhöndorf. Die Teilnehmer der Sitzung: führende Mitglieder der CDU und der CSU. Die Tagesordnung: "Sollte die CDU/CSU mit der SPD eine Große Koalition bilden oder aber mit der FDP und noch einer weiteren Partei eine sogenannte Kleine Koalition?"

Konrad Adenauer wußte, daß die Mehrheit seiner Gäste anderer Ansicht war als er, aber er steuerte von Anfang an zielbewußt auf die Kleine Koalition zu. Eine Verbindung mit der SPD hielt er für falsch – einmal wegen der Wirtschaftspolitik, dann aber aus grundsätzlichen Erwägungen. Im ersten Band der "Erinnerungen" gibt er seine Argumente wieder: