Jede Woche rückt die Wirtschaftskrise ein Stück näher. Wir können nicht länger die Augen verschließen: Die Vertrauenskrise ist mittlerweile so groß geworden, daß sie allein ausreichen würde, um uns in eine wirtschaftliche Depression hineinschlittern zu lassen. Nicht nur die Börse, die gesamte Wirtschaft unterliegt psychologischen Gesetzen: Unternehmer treffen ihre Investitionsentscheidungen nicht einfach nach Lektüre der Auftragsbücher oder ökonomischer Statistiken, sondern mit Blick auf die Chancen von morgen. Und allmählich verödet hierzulande auch der letzte Rest von Optimismus, nachdem die amtierende Regierung seit einem Jahr drohende Gefahren beschwört, ohne ihnen entgegenzutreten.

Wenn die Unternehmer so pessimistisch geworden sind, daß nach einer Schätzung des Ifo-Instituts die Investitionen 1967 um 8 Prozent niedriger sein werden als in diesem Jahr, so muß man darin ein Warnzeichen sehen. Hier kündigt sich eine Schwäche an, die fast über die gesamte Weite der Industrie gehen könnte – während bisher nur einzelne Branchen wie Stahl- und Textilindustrie, Lastwagen- und Maschinenbau von der Konjunkturabschwächung ernsthaft betroffen worden sind. Wie ein Boom kann eine Depression aus sich selbst heraus wachsen: Wenn wir erst einmal Massenkonkurse und ein paar hunderttausend Arbeitslose haben, wird es schwer sein, die Wirtschaft wieder auf Touren zu bringen.

Natürlich ist es nicht zu spät, solches Unheil abzuwenden. Noch ist es blanker Unsinn, wenn Erich Mende im Fernsehen davon spricht, wir würden einer neuen Währungsreform entgegentreiben (ganz abgesehen davon, daß der Vizekanzler diese Warnung vor einem Monat an seinen Parteifreund Rolf Dahlgrün hätte richten müssen). Aber allein die Wirkung, die solche Kassandra-Rufe auf Millionen Zuschauer haben, muß schon beunruhigen. 21 Jahre nach dem Krieg gilt noch immer der Satz: Die politische Stabilität dieses Staates hängt von seiner wirtschaftlichen Prosperität ab. Die spektakulären Erfolge der NPD sind gewiß auch auf die wirtschaftliche Unsicherheit zurückzuführen – welche Chancen würden radikale Gruppen, haben, wenn es einmal nicht nur eine "Klimaverschlechterung", sondern eine wirkliche Krise geben sollte?

Angesichts solcher Gefahren ist es unverständlich, daß die Regierungsbildung von Woche zu Woche verzögert wird. Die Sachfragen bedürfen "sorgfältigster Prüfung", so versichern die Parteien stereotyp, besonders auf dem Gebiet der Währungs- und Finanzpolitik. In Wahrheit ist die Sachlage für alle Beteiligten klar erkennbar: Wir taumeln dem Staatsbankrott entgegen, weil 1967 das Defizit 8 bis 10 Milliarden Mark betragen wird, wenn nicht einschneidende Sparbeschlüsse gefaßt werden. Alles was wir brauchen ist eine Regierung, die hart, entschlossen und schnell handelt – ganz gleich, auf wie viele Stimmen Mehrheit sie sich stützt. Diether Stolze