Von Hayo Matthiesen

Darüber sind sich alle einig: Unter den Dramatikern des neunzehnten Jahrhunderts steht Hebbels Name obenan. Die Interpretation seines Werkes bereitete aber seit je beträchtliche Schwierigkeiten.

Schon vor der Jahrhundertwende mißbrauchte Adolf Bartels Hebbel als Aushängeschild für seine Literaturbetrachtung nach rassischen Maßstäben. Theobald Bieder hieb mit einem Preislied auf "Hebbels nordische Herrennatur" in dieselbe Kerbe und stempelte den Dichter kurzerhand zum Wegbereiter germanischnordischen Volkstums.

Daß die Rechte Hebbel in die Fundamente ihrer chauvinistischen Rassentheorien einmauerte, zwang den Vertretern der Linken die Feder in die Hand. Franz Mehring äußerte in seiner Rezension eines Buches von Bartels, Hebbel sei zwar das größte dichterische Ingenium der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, zugleich aber ein "politischer Kannegießer" ersten Ranges, dessen Stellungnahmen zur Revolution von 1848 "unsägliche Trivialitäten enthielten, obwohl er nicht eigentlich konservativ gewesen sei.

Mehrings Ansicht wird im sozialistischen Lager auch heute noch respektiert, obwohl man längst – durchaus gegensätzliche – eigene Interpretationen vorlegte. So nennt Siegfried Streller in einem Vorwort zu einer Hebbel-Ausgabe den Dichter einen "Verherrlicher eiskalter Staatsräson" und "ideologischen Repräsentanten der deutschen Bourgeoisie". Joachim Müller dagegen, Ordinarius für deutsche Literatur in Jena, erkannte in Hebbels Werk kommunistische Züge: Der Dichter habe den Staat als etwas völlig Wertloses abgetan, seine Dramen zeigten das Bild einer Feudalgesellschaft im unaufhaltsamen Niedergang; denn Hebbel "stand zweifellos näher beim dialektischen Materialismus als bei der idealistischen Dialektik Hegels".